Warum die Corona-Krise noch lange dauern wird

Politik / 25.03.2020 • 19:00 Uhr
Warum die Corona-Krise noch lange dauern wird
Grenzübergänge sind gesperrt, Ortschaften abgeriegelt, Schulen, Geschäfte und viele Produktionen sind zu, Veranstaltungen abgesagt. VN

Zusätzliche Kräfte für mehrere Monate mobilisiert, Strukturen aufgebaut, Veranstaltungen verschoben. Das größte Problem: Wir sind nicht immun.

Wien Niemand kann sagen, wie lange die Krise noch dauert. Sicher ist: Sie wird am 13. April längst nicht überstanden sein. Maßnahmen könnten ab diesem Zeitpunkt möglicherweise zurückgenommen werden, meint Kanzler Sebastian Kurz. Die Phase nach Ostern werde der heutigen mehr ähneln als dem Alltag vor Corona. Neue Strukturen im Gesundheitssystem, in der Pflege und für die Sicherheit werden erst gerade aus dem Boden gestampft, Einsatzkräfte auf längere Einsätze vorbereitet und die Bevölkerung mit Durchhalteparolen versorgt. Diese werden auch nötig sein.

Monate statt Wochen

Ein Blick nach Italien reicht, um zu wissen, dass die Pandemie in zwei, drei Wochen längst nicht eingedämmt sein wird. Dass es sich vielmehr um Monate handelt, zeigt sich in China. Dort haben die Behörden für den Großteil der von COVID-19 betroffenen Provinz Hubei die Ausgangssperren nun aufgehoben. Die Stadt Wuhan, in der das Virus Ende Dezember ausgebrochen war, bleibt bis 8. April aber abgeriegelt. Seit 23. Jänner ist es verboten, Wuhan zu betreten oder zu verlassen. Die Schulen in der Provinz Hubei bleiben ungeachtet der nur aufgehobenen Ausgangssperren zu. Diese Erfahrungen bieten eine gewisse Orientierung, wobei fraglich bleibt, inwiefern Italien und China tatsächlich als Vergleichsregionen herangezogen werden können.

Schulen

Auch in Österreich zeichnet sich ab, dass sich Eltern und Schüler noch gedulden müssen. „Es kann schon sein, dass die Schule noch deutlich länger geschlossen bleibt“, sagt Kurz. Bislang galt, dass der Unterricht nach Ostern wieder fortgesetzt wird. In Kreisen der Regierung heißt es nun, dass der Fokus vorerst auf den Maturanten liege, deren Reifeprüfung mit 19. Mai beginnen soll. Ursprünglich hätte die erste Klausur am 5. Mai stattgefunden. Es brauche aber mindestens zwei Wochen Vorlaufzeit, um verpasste Schularbeiten nachzuholen und sich wieder in den Schulalltag einzufinden. Es könnte also sein, dass die Maturanten – die bekanntlich vorrangig behandelt werden – nicht vor Anfang Mai in die Klassenzimmer zurückkehren werden.

Zivildienst und Bundesheer

Noch monatelang verpflichtet Österreich in bisher nicht dagewesenem Ausmaß junge Männer. Der Dienst jener 1500 Zivildiener, die Ende März fertig gewesen wären, wird bis Ende Juni verlängert. Die 2000 Grundwehrdiener, die Ende März abgerüstet hätten, müssen zwei Monate länger bleiben. Ab 18. Mai werden Rekruten und Berufssoldaten schrittweise von Milizsoldaten abgelöst. Vorerst werden zehn Prozent der Milizkräfte einberufen, das sind 3000 Männer und Frauen. Ihr Einsatz ist bis Mitte August geplant.

Sportveranstaltungen

Großevents werden noch länger kein Thema sein. Die Austragung von Sommerfestspielen wackelt. Konzerte sind abgesagt. Im Sport haben die Verantwortlichen bereits maßgebliche Entscheidungen getroffen. Die UEFA erklärte, die Fußball-Europameisterschaft um ein Jahr zu verschieben. Das internationale olympische Komitee sucht für die olympischen Spiele nach einem neuen Termin im kommenden Jahr. Sie hätten vom 24. Juli bis 9. August 2020 stattgefunden.

Neue Strukturen

Völlig neue Kapazitäten werden im Gesundheitsbereich aus dem Boden gestampft. In Vorarlberg stehen in den Krankenhäusern 500 Betten für Corona-Patienten zur Verfügung, 1100 können in spitalsnahen Einrichtungen wie dem Suchtkrankenhaus Maria Ebene in Frastanz oder in der Landwirtschaftsschule Hohenems situiert werden.

Immunität

Ohne Medikament oder Impfstoff besteht immer die Möglichkeit, dass sich das Virus neu verbreitet; außer es besteht Herdenimmunität. Dafür müssten sich – je nach wissenschaftlicher Auslegung – 30 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit Covid-19 infizieren. Sobald die Menschen die Krankheit durchgemacht und Antikörper entwickelt haben, sind sie für diesen Virenstamm wahrscheinlich immun. Der Virologe Herwig Kollaritsch erläutert allerdings, dass der Versuch, rasch eine Herdenimmunität herzustellen, völlig unmoralisch wäre. Das Gesundheitssystem würde überlastet und Österreich müsste mit 60.000 Corona-Toten rechnen.

Hammer und Tanz

Was die politisch Verantwortlichen aktuell tun: Sie fahren die Strategie „Hammer und Tanz“. Public-Health-Experte Armin Fidler erklärt das so: „Wir sind jetzt in der Hammerphase, in der wir versuchen, mit strikten Maßnahmen die epidemiologische Kurve nach unten zu drücken. Sobald wir sehen, dass die Infektionskurve nach unten geht, würden diese Maßnahmen gelockert werden. Dann beginnt die Tanzphase.“ Dabei müsse die Epidemie gut beobachtet werden. Schließlich sei ein überwiegender Teil der Bevölkerung nicht immun gegen die Krankheit. Außerdem sei unklar, wie lange die Immunität bestehen bleibe. „Und dann stellt sich die Frage, wann es einen Impfstoff gibt. Das kann noch ein oder eineinhalb Jahre dauern. Der Tanz kann also gut ein Jahr gehen“, sagt Fidler im VN-Podcast.

Einstelliges Wachstum

Von einem Ende der Krise ist Österreich also weit entfernt. Zwar sinkt der prozentuelle Zuwachs der Infizierten langsam und liegt bei aktuell rund 20 Prozent täglich. Binnen vier bis sechs Tagen verdoppelt sich die Zahl der Infizierten. Vorläufiges Ziel ist eine Verdoppelung alle 14 Tage, also ein Zuwachs von maximal fünf Prozent pro Tag. Nur dann könnten erste Maßnahmen gelockert und gegebenenfalls durch andere Schritte ersetzt werden, heißt es von der Regierung. Ob künftig Schutzmasken mehr zum Einsatz kommen oder alle in Österreich ihre Kontaktpersonen via Handy registrieren müssen, ist offen. Sicher ist: So wie es war, wird es aber länger nicht mehr sein.