Virus-Drehscheibe Ischgl

Staatsanwaltschaft ermittelt. Vorwürfe gegen Tiroler Krisenmanagement.
Wien Ischgl kommt nicht aus den Schlagzeilen. Auch nicht aus den internationalen. Die Tiroler Gemeinde war am Dienstag Hauptthema auf der Website des US- Senders CNN. Die Überschrift: “Wie ein österreichischer Skiort dazu beitrug, das Coronavirus in ganz Europa zu verbreiten.” Zahlreiche Touristen sollen sich in den Tiroler Wintersportorten, und insbesondere in Ischgl, mit Covid-19 angesteckt haben. Die Sperre der Skigebiete sei viel zu spät erfolgt – So lautet der Vorwurf, der seit Tagen im Raum steht.
Die Causa Ischgl könnte sogar ein juristisches Nachspiel haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Das Land schaltete diese ein – Es geht um den Verdacht, dass in einem Lokal in der Gemeinde schon Ende Februar ein Coronvirus-Fall bekannt war. Das soll aber nicht an die Gesundheitsbehörde gemeldet worden sein. Um welchen Betrieb es sich handelt, ist unklar. Wie am Dienstag bekannt wurde, hat auch der Verbraucherschützer Peter Kolba eine Sachverhaltsdarstellung eingebracht. Die Anzeige richtet sich unter anderem gegen den für Tourismus zuständigen Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Spätestens seit 5. März müssten die Behörden gewusst haben, dass von Ischgl eine große Coronavirus-Ansteckungsgefahr ausging, argumentiert Kolba.
„Kitzloch“ im Fokus
Vor allem die Vorgänge rund um das Après-Ski-Lokal „Kitzloch“ sorgen für Aufregung. Darüber berichtet auch CNN. Island habe bereits am 4. März gewarnt: 15 Skitouristen hätten sich in Ischgl mit dem Coronavirus angesteckt. Tirol stritt das ab. Man ging davon aus, dass sich die Menschen auf dem Rückflug infiziert hätten. Die isländischen Behörden stuften Ischgl dennoch als Risikogebiet ein – neben China, Südkorea, Iran und Italien.
Am 7. März kam schließlich heraus, dass ein Barkeeper des „Kitzloch“ positiv auf Covid-19 getestet worden war. Auch die erkrankten Isländer hatten sich dort aufgehalten. 22 Personen im Umfeld des Mannes mussten in Quarantäne. Trotzdem bezeichnete die Landessanitätsdirektion eine Übertragung des Coronavirus auf andere Gäste als unwahrscheinlich. Nur Personen mit Symptomen sollten sich melden. Am 10. März wurden die Bar sowie andere Après-Ski-Lokale behördlich geschlossen. Wie das deutsche Magazin „Der Spiegel“ in der Vorwoche berichtete, geben mehr als jeder zweite erkrankte Norweger und jeder dritte Däne an, sich in Österreich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. Auch in Deutschland gebe es viele Fälle von positiv getesteten Ischgl-Urlaubern.
Am 12. März verkündete Landeshauptmann Platter, dass die gesamte Tiroler Skisaison vorzeitig beendet werde. Ischgl, Galtür, Kappl und See sowie St. Anton am Arlberg wurden unter Quarantäne gestellt. Zahlreiche Urlauber aus den gesperrten Gemeinden sollen sich vor ihrer überstürzten Abreise in anderen Regionen Tirols sowie in dem Vorarlberger Skiort Lech aufgehalten haben. Mittlerweile steht das ganze Bundesland unter Quarantäne. Auch Lech, Zürs, Warth, Schröcken und Stuben in Vorarlberg wurden abgeschottet. Die dortigen Touristen durften nicht abreisen.
Die Tiroler Landesregierung verteidigte das Vorgehen zunächst. „Die Behörden haben alles richtig gemacht“, sagte Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) in der ZiB2. Doch die Kritik riss nicht ab. Am Dienstag erklärte Platter schließlich, dass die Abläufe nach der Krise auf den Prüfstand gestellt werden müssten. Die Landesregierungsparteien ÖVP und Grüne kündigten eine unabhängige Expertenkommission an, die alle offenen Fragen und Vorwürfe aufarbeiten soll.