Was Europa von Asien lernen kann

Erinnerung an Sars: Viele Länder sind bereits krisenerprobt. Die europäischen Länder nicht, wie die Coronavirus-Krise zeigt.
wien Seit Beginn dieser Woche gelten in Österreich drastische Maßnahmen. Sie sollen das soziale Leben auf ein Minimum beschränken, um die Coronakrise in den Griff zu bekommen. Europa ist nämlich längst zum Epizentrum der Pandemie geworden, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilte. Besonders hart getroffen ist Italien mit mehr als 26.000 Infizierten und über 2500 Todesfällen (Stand Dienstagabend). Doch auch Spanien zählt aktuell mehr als 9770 positiv getestete Menschen, Deutschland mehr als 8500 und Frankreich über 6470. In Österreich listet das Gesundheitsministerium über 1330 Infizierte auf.
Niedrigere Fallzahlen
Ihren Ausgang hat die Coronakrise aber nicht in Europa, sondern Ende 2019 in Asien, genauer gesagt in China, genommen. Peking leidet mit derzeit fast 8940 Fällen und über 3220 Toten immer noch stark unter dem Virus, stabilisiert sich aber zunehmend. Immerhin hatte die Volksrepublik bereits mehr als rund 80.800 Infizierte. Andere asiatische Länder sind weit von den europäischen Zahlen entfernt. Aktuell zählt Hongkong beispielsweise 70 bestätigte Fälle. In Japan sind es über 680, in Singapur rund 150, in Vietnam 50 und in Kambodscha 23. Südkorea hat zwar mit mehr als 6830 Fällen noch sehr viele Infizierte. Doch das sind viel weniger als aktuell in Italien. Es gab auch deutlich weniger Todesfälle.
China, Singapur und Japan seien gute Beispiele, wie gut drastische Maßnahmen wirken, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag. Doch was machen diese Länder besser als Österreich? Und was kann man von ihnen lernen? Tatsächlich sehr viel, wie der Mediziner Armin Fidler sagt. „Allerdings muss man mit den Fallzahlen vorsichtig sein. Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Entwarnung sei auch in den genannten Ländern noch nicht angebracht.
Fidler, der bereits für WHO und Weltbank gearbeitet hat, führt aus, dass tatsächlich viele asiatische Länder sehr früh sehr strikte Maßnahmen wie Grenzschließungen gesetzt haben. Das ebenfalls stark betroffene Südkorea habe auch zahlreiche Tests durchgeführt, die Infizierten umgehend vom Rest der Bevölkerung abgesondert sowie öffentliche Verkehrsmittel oder Supermärkte flächendeckend desinfiziert.
Social Distancing wird in vielen asiatischen Ländern bereits praktiziert.
Armin Fidler, Experte für öffentliche Gesundheit
Grundsätzlich gelte eine Kombination von Faktoren, wieso einige asiatische Länder derzeit besser durch die Krise kommen, sagt Fidler, beispielsweise die Geografie. „Singapur ist ein Stadtstaat auf einer Halbinsel, Hongkong ebenso. Die Abkapselung funktioniert leichter.“ Gesellschaftlich gesehen seien diese Länder autoritärer, es herrsche eine strengere Disziplin als in Europa, schildert Fidler. „Die dortigen Bevölkerungen sind mit der hiesigen nicht zu vergleichen.“ Zudem sei insbesondere die Sars-Krise von 2002/2003 noch lebhaft in Erinnerung, die betroffenen Länder daher krisenerprobter als jene in Europa. „Social Distancing wird hier schon längst praktiziert.“ Dazu kämen eingespielte Katastrophen- und Notfallpläne. „Die Hierarchien sind klar. Alles passiert schneller.“ Ob nun auch hierzulande bald öffentliche Plätze wie in Südkorea desinfiziert werden sollen, kann der Experte nicht beantworten. „Theoretisch wäre es eine Möglichkeit. Das wissen wir aber noch nicht. Grundsätzlich bewegen wir uns auf unbekanntem Terrain.“