Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Manchmal glauben wir viel und wissen wenig

Politik / 30.09.2019 • 19:59 Uhr

Der Kreis des politmedialen Lebens schließt sich. Die Wahl ist geschlagen, das Ringen um die Regierung beginnt. Es gibt kaum Zeit für ein Innehalten, für ein Reflektieren des Geschehenen, the show must go on. In dieser Zeit funktionieren manche Mechanismen immer gleich, auch wenn alles noch schneller gehen muss als vor zehn Jahren; und gewisse Erkenntnisse wiederholen sich. Hier ein paar Eindrücke nach dem Wahltag:

Gerechtigkeit ist keine politische Kategorie. Das musste diesmal auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erfahren. Sie war eine engagierte Spitzenkandidatin, hatte null mit dem Ibiza-Skandal zu tun und entwickelte im Laufe der Wahlauseinandersetzung den notwendigen Kampfgeist – dennoch bleibt ihr nach dem Skandal der anderen das historisch schlechteste Ergebnis ihrer Partei. Noch gibt es keine offene Führungsdebatte in der SPÖ (zumindest nicht bis zu Redaktionsschluss, sage ich hier sicherheitshalber), aber erste Funktionäre wie der SPÖ-Niederösterreich-Chef Franz Schnabl kritisierten sie schon.

Häme gehört leider nicht nur zum Wahlkampf, sie endet auch am Tag danach nicht. Besonders unsouverän wird es natürlich, wenn sie sich gegen jene richtet, die ohnehin gerade machtlos sind. Wenn etwa die „Kronen Zeitung“ nach dem FPÖ-Debakel hämische Social Media Postings mit Strache-Ibiza-Bild verbreitet, dann ist das höchstens halblustig, aber vor allem der übliche Populismus des Massenblattes. Vor Straches „Krone“-Verscherbelungs-Phantasien im Skandal-Video war man ja auf Bussi-Bussi mit den Freiheitlichen und unterstützte sie publizistisch.  

Neue Köpfe, alte Nöte

Mit gut gemeinten Ratschlägen an die Parteien – von Beratern oder politischen Beobachtern – ist jetzt stündlich zu rechnen. Die SPÖ müsse sich schnell und komplett neu aufstellen, die Grünen sollten unbedingt in eine türkis-grüne Regierung, so geht es am Montag schon los. Auch wenn manche Ratschläge überlegenswert sind: Anderen seine Ideen aufzudrängen und noch mehr Druck zu erzeugen, ist keine gute Beratungsleistung.

Häme gehört leider nicht nur zum Wahlkampf, sie endet auch am Tag danach nicht.

Rücktritte nach einer Niederlage (wie jener von SPÖ-Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda, den Rendi-Wagner durch Christian Deutsch, Manager der erfolglosen Wahlkampagne, ersetzt) sind manchmal zwar unumgänglich, sie sind aber nicht die Lösung struktureller Probleme. Andere Köpfe, alte Nöte.

Die üblichen Koalitions-Spekulationen sind eines der mühsamsten Rituale für Politik, Journalismus und natürlich für das Publikum. Da man sie nicht vermeiden kann, wäre es besser, mit Unsicherheiten transparent umzugehen. Also zu sagen: Aufgrund der diversen Möglichkeiten weiß ÖVP-Chef Sebastian Kurz heute wohl auch noch nicht sicher, welche Regierung herauskommen wird. Und als Medienmensch könnte man eingestehen: Manchmal glauben wir viel und wissen wenig.