Israelische Botschafterin: „Antisemitismus nimmt in Europa zu“

Jüdische Bürger fühlen sich in Europa nicht mehr so sicher, sagt Botschafterin Talya Lador-Fresher.
schwarzach Es ist ihr Abschiedsbesuch als israelische Botschafterin in Österreich. Talya Lador-Fresher im Gespräch mit den VN über Antisemitismus, den Iran und die Zukunft mit den Palästinensern.
Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Um ein guter Botschafter zu sein, muss man wirklich mögen, was man tut. Aber das gilt ohnehin für jeden Beruf. Zudem habe ich immer versucht, mich nicht nur auf Wien zu beschränken, sondern so oft wie möglich in die Bundesländer zu reisen.
Laut einer Umfrage der Europäischen Grundrechtsagentur fühlen sich viele jüdische Bürger in der EU unwohl. Können Sie das bestätigen?
Die meisten Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Erstens: Antisemitismus nimmt in Europa zu. Zweitens: Jüdische Bürger fühlen sich nicht mehr wohl in vielen europäischen Ländern. Daher denken sie, drittens, immer öfter daran auszuwandern. Es gibt den Antisemitismus von Rechtsaußen. Dann gibt es den fundamentalistischen, islamischen Antisemitismus und den Linksaußen-Antisemitismus. Es ist aber egal, aus welcher Ecke das kommt. Das trägt alles dazu bei, dass sich Juden in Europa nicht mehr so sicher fühlen wie vielleicht vor zehn Jahren.
Sehen Sie einen Spagat zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus?
Es gibt eine direkte Linie zwischen Antisemitismus und Antizionismus. Das sind zwei Seiten einer Münze. Natürlich, nicht jede Kritik an Israel bedeutet Antizionismus. Die „BDS“-Bewegung (Anm.: „Boycott, Divestment and Sanctions“ – eine politische Kampagne gegen Israel) ist aber zum Beispiel klar antizionistisch. Die Argumentation ist im Prinzip dieselbe wie in der Vergangenheit: Dass Juden als Individuen nicht Teil einer Mehrheitsgesellschaft sein können, Bürger zweiter Klasse sind. BDS sagt das nun über einen gesamten Staat, den jüdischen Staat. Wir könnten demnach aus mehreren Gründen nicht Teil der Weltgemeinschaft sein. Kritik an Israel ist legitim, aber hier handelt es sich um etwas anderes. Man kann selbstverständlich eine Art von Politik oder eine Regierung kritisieren, aber nicht einen Staat als Ganzes infrage stellen.
Derzeit sorgen die Spannungen mit dem Iran weltweit für Unruhe. Wie ist die Stimmungslage in Israel?
Wir sind sehr besorgt darüber, was im Persischen Golf passiert. Viele Israelis und unsere Regierung respektieren das iranische Volk. Die Macht liegt jedoch nicht bei den Menschen, sondern der Revolutionsgarde. Und es besteht kein Zweifel daran, welchen Weg das Regime im Hinblick auf Eskalationen und Destabilisierung des Nahen Ostens gehen will.
Die USA sind aus dem Atomdeal ausgestiegen, der Iran hält sich nicht mehr an alle Vorgaben. War der Rückzug ein Fehler?
Die Spannungen begannen bereits mit der Absetzung des Schah 1979. Manchmal hatten sie ein freundlicheres Gesicht, manchmal waren sie weniger freundlich, aber es war immer das gleiche Regime. Wir dachten vom ersten Tag an, dass das Atomabkommen nicht der richtige Weg ist, um dem iranischen Streben nach Atomwaffen umfassend zu begegnen. Im Abkommen wurde z.B. Irans Raketenprogramm überhaupt nicht berücksichtigt.
US-Nahostbeauftragter Jared Kushner stellte unlängst einen Teil seines Nahost-Friedensplans vor. Der Widerstand der Palästinenser ist groß. Wie ist die israelische Sicht?
Der Plan hat eine politische sowie eine wirtschaftliche Säule, die letztens in Bahrain vorgestellt wurde. Die Palästinenser sind nicht nach Bahrain gekommen, was ich für einen Fehler halte, da es dort um ihren eigenen wirtschaftlichen Wohlstand ging. Ihr Argument war, dass sie ihre zukünftige Souveränität nicht für Geld verkaufen wollen. Aber wenn die Palästinenser wirklich einen lebensfähigen palästinensischen Staat neben einem lebensfähigen israelischen Staat wollen, in dem wir in Frieden leben, müssen sie an ihrem eigenen wirtschaftlichen Wohlergehen genauso interessiert sein wie wir.
Hat die Zwei-Staaten-Lösung überhaupt noch eine Zukunft?
Es wird nicht in den nächsten Jahren passieren, aber es ist eine Option für die Zukunft. Ich hoffe wirklich, dass die palästinensische Führung die sich ihr bietenden Gelegenheiten zum Wohle ihres Volkes nutzen wird.
Das Gespräch führten Magdalena Raos und Hanna Reiner.