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Auffallend ist die Aufmerksamkeit, die die US-Regierung – und ja, auch der streitbare Präsident Donald Trump – der Österreichischen Delegation zukommen ließ. Wobei „Österreichische Delegation“ ein zu großes Wort ist. Denn es ging und geht um einen: Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er wurde von Trump gelöchert, er sprach bis auf eine kurze Ausnahme selbst beim Besuch im Weißen Haus. Wie sollte es auch anders sein? Die Amerikaner hatten in letzter Minute ihre Delegation neben Trump selbst mit Vizepräsident Pence, Außenminister Pompeo, Energieminister Perry, Sicherheitsberater Bolton und weiteren Ministern zur hochkarätigsten Variante upgegradet. Gegenüber am Tresen saß die Economy-Delegation des österreichischen Kanzlers, bestehend neben Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer ausschließlich aus engen Stabsmitarbeitern des Kanzlers. Und weil die Amerikaner auf zwölf Personen aufstockten, geboten es diplomatische Gepflogenheiten, dass auf der österreichischen Seite so ziemlich jeder Platz gegenüber den US-Ministern nehmen musste, der mit angereist war.
„Sebastian Kurz hat sich mit diesem wichtigen Besuch in Washington weitere außenpolitische Aufmerksamkeit gesichert, Österreich auf die Tagesordnung gebracht“
Kurz wurde in Washington in einer solchen Form hofiert, dass nicht nur Angela Merkel auffallen muss, dass die Trump-Administration hier auch im europäischen Gefüge eine klare Duftmarke setzt. Merkel selbst wurde solche Wertschätzung nicht gezeigt und mit den geplanten Zöllen für die Automobilhersteller will Trump messerscharf die Deutschen treffen. Mit dem Freundlichsein zum Mitte-Rechts-Kanzler trifft der US-Präsident seine schärfste Kritikerin im Berliner Kanzleramt. Und vielleicht erinnert ihn Angela Merkel auch ein bisschen an Hillary Clinton, wer weiß.
Eine kluge Dramaturgie lag dem winterlichen Besuch zugrunde: Minister-Dinner, Botschaftsempfang, ein arrangiertes Private Dinner mit dem einflussreichen Schwiegersohn Jared Kushner samt Präsidententochter Ivanka Trump, sowie das dringend notwendige Einbinden der jüdischen Community. Schließlich bedarf es stets sichtbaren Bekenntnissen. Zu Europa. Gegen Antisemitismus. Solche Standortbestimmungen, manchmal Standortverschiebungen nimmt nämlich auch der Koalitionspartner FPÖ vor. So war der Vizekanzler nicht in Washington dabei, sondern traf sich zur exakt zur selben Zeit sichtbar mit Marine Le Pen, die höflicher verpackt immer noch rechtsextremes Gedankengut verkauft.
Sebastian Kurz hat sich mit diesem wichtigen Besuch in Washington weitere außenpolitische Aufmerksamkeit gesichert, Österreich auf die Tagesordnung gebracht. Eine Image-Kur in wenigen Stunden. Jene, die ihn für zu viele Flugmeilen oder zu wenige Minuten mit dem US-Präsidenten kritisieren, verkennen die außenpolitische Tragweite. (Und wären die ersten, die im Weißen Haus antanzen würden, hätten Sie überhaupt je die Chance.) Der Besuch markiert einen weiteren Schritt in eine Position, die viele Sebastian Kurz zuvor nicht zugetraut hätten. Damals nicht als Staatssekretär, schon gar nicht als Außenminister. Nicht als Bundeskanzler. Und auch jetzt hat der Millennial-Kanzler die gebotene Chance eines Gesprächs samt kleiner Konfrontation mit dem mächtigsten Mann der Welt genutzt und wird konsequent darauf aufbauen. Nicht mehr und nicht weniger.
Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.
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