
Ein Haus wird wieder jung
In den 1970ern war das Haus hochmodern, nach Erweiterung und
Umbau durch das Architekturbüro Querformat ist es das wieder.
Text: Isabella Marboe | Fotos: Cornelia Hefel, Angela Lamprecht
reuthe Das bescheidene Einfamilienhaus am Hang war ein Kind der 1970er Jahre. Erst vermietete man die drei Zimmer mit Talblick im Untergeschoss an Urlaubende, dann wurden die vier Kinder darin groß. Nun zog die jüngste Tochter mit Familie wieder ein. Die Architekten von Querformat erneuerten die Haustechnik, bauten einen gewitzten Hybrid aus Sichtbetonveranda und Garage an, kleideten das Haus in dunklem Fichtenholz elegant neu ein und klappten das Dach auf. Jetzt wohnen drei Generationen darin.

Das Haus ist Baujahr 1972, mit seinen großen Fenstern und dem durchgehenden Balkon war es damals sehr fortschrittlich. Helmut Batlogg, ein junger Architekt aus Bezau, der soeben sein Studium in Graz abgeschlossen hatte, plante es, mit viel Eigenleistung wurde es von der Bauherrenfamilie selbst errichtet.

Es liegt in Reuthe im kleinen Weiler „Platten“ auf einem leichten Osthang über der Hauptstraße, knapp dahinter verläuft die Bregenzerach durch das Tal. Hangaufwärts im Westen aber beginnen Wald- und Weidelandschaft, im Herbst dürfen hier die Kühe grasen. Dieses Gebiet ist unverbaubar und für Kinder ein Paradies. Das zweigeschoßige Haus mit dem flachen Satteldach nutzt den Hang geschickt. Man betrat es rückseitig im Westen auf einem Niveau in der Wohnebene, deren Balkon im Osten über die gesamte Länge reichte.

Etwa in der Mitte führte vom Eingang eine Treppe ins Untergeschoß. Nassräume und Technik lagen im Hang, die drei Zimmer orientierten sich mit Fenstertüren nach Osten zu Sonne und Aussicht. Man vermietete erst an Feriengäste, dann übernahmen die vier Kinder. Der Grundriss bewährte sich. Als die jüngste Tochter beschloss, mit ihrer eigenen Familie das Haus ihrer Kindheit weiter zu bewohnen, begann eine neue Ära.

Das Büro Querformat baute das Haus behutsam aus und um. Das Dach wurde hangseitig mit einer großen, durchgehend verglasten Gaupe aufgeklappt und erhält so viel Licht. Auch der südseitig angebaute Zubau respektiert die Dachneigung. Er ist ein gewitzter bautypologischer Hybrid: unten Garage, oben eine vielseitige Erweiterung der Wohnebene um einen doppelten Essplatz. Innen warm, außen luftig.

Eine Art moderner Veranda, oder Schopf, wie Architekt Paul Steurer sagt. Nun leben hier drei Generationen mit zeitgemäßem Wohnkomfort. Das heißt: wesentlich großzügigere Räume mit Home-Office für die Bauherrin und viel inneres Erweiterungspotenzial für andere Familienkonstellationen. Neue Haustechnik, mehr Dämmung, Dreifachisolierglas, Photovoltaik am Dach, Fußbodenheizung und eklatant weniger Energieverbrauch. „Wir haben das Haus komplett bis auf den Rohbau zurückgeführt“, so Steurer. „Wir mussten die Bodenplatte wegschremmen, um die nötige Dämmung für eine Fußbodenheizung unterzubringen.

Nun ist der gesamte Aufbau neu und die Räume wurden sogar zehn Zentimeter höher.“ Auch die Fassade ist thermisch saniert und ausgetauscht. Die vertikale Holzschalung aus dunkel lasierter Fichte wird auch in zwanzig Jahren noch schön sein. Das hangseitig zu einer breiten Gaupe aufgeklappte Dach holt viel Licht nach innen und erzeugt eine sehr interessante, besondere Geometrie.

Die Einteilung der Räume blieb im Wesentlichen gleich. Einzig im Untergeschoß, wo die Großeltern nun in einer hellen, komfortablen, Wohnung barrierefrei leben, wurde die Kellerstiege gekappt. „Diese Entscheidung war nicht leicht, weil man dadurch immer umständlich ums Haus gehen muss, wenn man den Stock wechseln will“, so Steurer. „Wir wollten aber die Generationen sauber trennen.“ Dadurch können die Eltern der Bauherrin eigenständig im Familienverband leben. Wo früher die Treppen begannen, ist inzwischen ein Platz zum Lesen und Radiohören. Der Vater der Bauherrin schätzt ihn sehr.

„Das bestehende Haus hat seinen Charakter behalten und sich doch weiterentwickelt“, ist Steurer zufrieden. „Wir haben es transformiert, bei einem Neubau würde man nie auf so einen Baukörper kommen.“ Das ausgebaute Dachgeschoß hat eine hohe Wohnqualität, ein Oberlicht erhellt die Badewanne, die Gaupe bietet eine wunderbare Aussicht, ihre Bauweise ist nachhaltig: Massivholzdecke, Holzfaserdämmung, die Details liebevoll. Hier wird die Fensterbrüstung zum Regal. „Wir setzen uns oft dahin und beobachten die Rehe“, sagt die Bauherrin. „Unser Rekord sind zwölf Stück am Tag.“

Seitlich im Süden wurde die Wohnküche mit einem Mauerdurchbruch um einen neuen Raum auf dem Garagendach erweitert. „Dieser Schopf ist das absolute Highlight.“ Er erweitert innen die Wohnküche um einen großen Esstisch, an dem mindestens zehn Leute Platz haben – und im gedeckten Außenraum hinter dem weißen Vorhang um einen zweiten. Dort sitzt man witterungsgeschützt an der frischen Luft. „Das ist unsere Sommerresidenz.“
daten und fakten
Objekt: Haus B., Reuthe
Architektur: Querformat ZT, Dornbirn, www.querformat.studio
Statik: planDREI ZT, www.plandrei.at
Fachplanung: Bauphysik: DI Günter Meusburger, Schwarzenberg
Planung: 01/2019–12/2020
Ausführung: 02/2020–12/2020
Grundstück: 1400 m²
Nutzfläche: 354 m² (zzgl. Keller/Garage 88 m²)
Bauweise: Bestand: Betonziegel, innen verputzt, außen isoliert; Anbau Sichtbeton, außen gedämmt; hinterlüftete Fassade; Dach mit Stehfalz-Blech; Fußbodenheizung mit Wärmepumpe (Erdsonden) und Kachelofen
Ausführung: Baumeister: Erich Moosbrugger, Andelsbuch; Zimmermann: Kaufmann, Reuthe; Spengler: Gunter Rusch, Alberschwende; Elektro: Willi, Andelsbuch; Heizung/Sanitär: Martin Fink, Bezau; Fenster: Claus Schwarzmann, Schoppernau; Fliesen/Ofen: Peter Meusburger, Bezau; Tischler: Martin Greussing, Bezau; Küchen: Wolfgang Meusburger, Reuthe; u. a.
Energiekennwert: 50 kWh/m² im Jahr (HWB)
Eine Baukulturgeschichte von vai Vorarlberger Architektur Institut.
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at. Mit freundlicher Unterstützung von der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen