Kristallines Wunderwerk

26.08.2023 • 05:30 Uhr

An der stark befahrenen Feldkircher Reichsstraße verbirgt sich im revitalisierten Mehrgenerationenhaus ein Baujuwel mit Gartenparadies.

Text: Martina Pfeifer Steiner | Fotos: Markus Gohm

feldkirch Als Mehrfamilienhaus wurde das stattliche Gebäude an der Zubringerstraße der Autobahnabfahrt Feldkirch revitalisiert. Verborgen hinter üppigem Grün eröffnet sich dort ein Paradiesgarten. Im Erdgeschoss der ehemaligen Süßwarenproduktion Schatzmann ist dem Architekten Martin Häusle
Spektakuläres gelungen: Ein gefinkeltes Spiel mit Variation von Neigungswinkeln der Spiegelflächen rund um die raumhohen Öffnungen löst die Grenze zwischen innen und außen komplett auf.

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Revitalisiertes Mehrgenerationenhaus in Feldkirch.

Der Großvater des Bauherrn Tibor Naphegyi baute einst das herrschaftlich anmutende Haus an der Feldkircher Reichsstraße, im Erdgeschoss befanden sich die Räumlichkeiten für die Süßwarenproduktion. Hier wurden die beliebten Schatzmann-Schokobrezel hergestellt und andere Leckereien abgepackt. Die Familie wohnte in den oberen Stockwerken.

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Gerahmt: Einst waren es große Fenster in der dicken Außenwand, heute ist es eine Abfolge von Glasflächen und Mauerscheiben.

Nach bewegter Geschichte stand das Gebäude längere Zeit leer, bis sich einer der Erben an die Revitalisierung als Mehrgenerationenhaus wagte. Tibor und Mary Naphegyis Kinder waren inzwischen schon erwachsen, und die Tochter hatte gerade beschlossen, mit ihrer Familie von Wien wieder ins Ländle zurückzukehren. Die Jungen suchten also ihre Architekten selbst. Diese gestalteten außergewöhnlich spannend die oberste Wohneinheit bis in den offenen Dachraum um. Aber das wäre eine eigene Geschichte. Der erste Stock blieb relativ unverändert und ist zu vermieten. Im Erdgeschoss sollten schlussendlich die Eltern ihre Wohnvorstellungen verwirklichen.

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Stimmungsvoll: Der alte Sitzplatz unter dem wuchernden Grün ist geblieben und schließt an die neue Terrasse an.

„Warum nicht unseren Freund Martin Häusle fragen …“, dachten sie, er sei doch Architekt. Seine Werke kannten sie eigentlich nicht, schätzen jedoch die Gespräche und seine kontemplative Art. Einige seiner Umbauten waren gleich mal besichtigt, und man hatte allseitig das Gefühl, dass Auffassung und Herangehensweise gut zusammenpassen könnten. Für Martin Häusle ist nämlich die Zeit auch ein wesentlicher Faktor: „Der Architekt muss in einem ausführlichen Entwurfsprozess für die Baufamilie etwas entwickeln können, das zu ihren Wohnvorstellungen passt, wie ein handgemachter Schuh!“

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Hochgeschätzt: Die unter das Vordach geschobene Box beinhaltet den Luxus des Badens im Grünen.

Er begriff die ehemalige Produktionsstätte – die der Bauherr zuvor aber eigenhändig von sinnlos gewordenen Gipskarton-Trennwänden befreit hatte – und den davorliegenden üppigen Garten größenmäßig im ähnlichen Format. Dass zum Außenraum die bestehenden Fenster bis zum Boden aufgerissen werden sollten, lag nahe. Ein Wintergarten würde jedoch eine zusätzliche Schicht bilden und das grüne Paradies deutlich ausgrenzen.

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Die ursprünglich zweiflügelige Türe gibt mit einer Spiegelhälfte Widerhall zum Eintritt in den großen
Raum.

Die Idee war, den Garten in den Innenraum zu ziehen. Der Architekt experimentierte so lange herum, bis er eine geniale Lösung fand: Mit Spiegelflächen in ausgeklügelter Winkelstellung umrahmt er die raumhohen Fensteröffnungen. Drei Bücherregale, die wie schwarze Säulen wirken, verstärken die Mauer und bilden Nischen, gleichzeitig lösen die Spiegel die Außenwand auf, saugen quasi den Garten ins Innere. Anhand eines Modells aus dem 3D-Drucker studierte Martin Häusle genau den Sonneneinfall. Es ist atemberaubend geworden!

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Atemberaubend ist dieses Kunststück, mit den diffizilen Spiegelneigungen die Abgrenzung von Innenraum und Außenraum aufzulösen.

Von der Straßenseite her lässt sich dieses Baujuwel ganz und gar nicht vermuten. Am freundlich mit Rundbögen gestalteten Eck der Giebelfront ist die Haustüre. Über Garderobe und das anschließende Musikzimmer – mit dem antiken Flügel und der wandfüllenden Plattensammlung sofort eine eigene Atmosphäre versprühend – betritt man den spektakulären Wohnraum.

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Über das Musikzimmer betritt man den offenen Wohnraum, die Küche wird mithilfe eines Stahlträgers eingegliedert.

Gegenüberliegend eine Raumverlängerung ins Endlose, weil die eine Hälfte der ursprünglichen Doppeltüre zum Stiegenhaus mit einem Spiegel ausgefüllt ist. „Diesen haben wir beim Requisiten-Abverkauf des Feldkirch-Festivals erstanden“, erzählt Tibor Naphegyi, und überhaupt bemerkt man gleich, dass Mary und er auch insgesamt bei ihrer gediegenen Einrichtung das Besondere aussuchen.

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Der Garten wird über den Spiegeleffekt förmlich in den Innenraum gesogen.

Dass die Küche offen sein soll, war Programm, also wurde die Wand zum Lager aufgebrochen. Hier bleiben sehr schön die Bruchstellen sichtbar, der dicke Lehmputz – unter dem sich nach dem Prinzip einer Fußbodenheizung die Rohre in der Wand verstecken – wird mit kantigen Stahlprofilen versäubert. Der durchlaufende Terrazzoboden war nämlich unantastbar und nur sorgfältig zu restaurieren.

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Im Bad war kein Platz für die Wanne, also wird sie in einem eigenen, kleinen Raum direkt an das Schlafzimmer angedockt.

Spürbar sind auch die qualitätsvollen „Le Corbusier“-Farben: Porzellanweiß an den Wänden, Dunstblau an der Decke, Pariser Nachtblau macht das kleine Badezimmer größer und korrespondiert mit dem schwarzen Spachtelboden. Sogar der Wunsch nach einer Badewanne konnte erfüllt werden: angedockt ans Schlafzimmer – das wiederum in der früheren Backstube seinen heimeligen Platz findet – wird noch ein Luxusräumchen unter das Terrassendach geschoben, mit hemmungslos zu genießender Aussicht ins Gartenparadies.

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Auskomponiert in Farbe und Material; die alten, aufpolierten Wandrohre sind eine perfekte Heizung
für das Badezimmer.

daten und fakten

Objekt: Haus Schatzmann, Feldkirch

Bauherrschaft: Mary und Tibor Naphegyi

Architektur: DI Martin Häusle, Feldkirch

Statik: DI Eugen Schuler, Dornbirn (statische Beratung)

Planung: 02/2015–02/2017

Ausführung: 02/2017–07/2018

Grundstück: 1200 m²

Nutzfläche: 130 m²

Bauweise: Sanierung und Umbau des Erdgeschoßes einer ehemaligen Süßwarenfabrik

Besonderheiten: Die Beauftragung von Firmen und Handwerksbetrieben aus der Region Feldkirch war für die Baufamilie selbstverständlich.

Ausführung: Bauarbeiten: Wilhelm & Mayer, Götzis; Zimmerer: Mayer, Götzis; Fenster: Zech, Götzis; Innenausbau/Holzböden: Werner Graf, Feldkirch; Terrazzosanierung: Lerbscher, Hard; Heizung: Dorfinstallateur, Götzis; Elektro: Lude-scher, Rankweil; Schlosser: Gassner, Rankweil; Spengler: Zerlauth, Feldkirch; Küche: Küchenwerkstatt, Götzis; Malerarbeiten: Krista, Frastanz

Energiekennwert: 40,5 kWh/m² im Jahr (HWB)

Baukosten: 280.000 Euro

Eine Baukulturgeschichte von vai Vorarlberger Architektur Institut.

Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at. Mit freundlicher Unterstützung von der Bundeskammer der ZiviltechnikerInnen

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