Kindergartenpädagogin kündigt nach 32 Jahren: „So kann ich nicht weitermachen“

12.07.2023 • 10:43 Uhr
Kindergartenpädagogin kündigt nach 32 Jahren: „So kann ich nicht weitermachen“
Der Frust ist groß: Kindergartenpädagoginnen sprechen mit den VN über die immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen in der Betreuung. Fotos: BVS

“Ein rote Linie wurde überschritten”: Kindergartenpädagoginnen stehen dem neuen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz kritisch gegenüber.

Von Berndatte von Sontagh

Lustenau Für die erfahrene Kindergartenpädagogin Renate Hämmerle-Pfister aus Lustenau wurde mit dem neuen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz, das im Herbst in Kraft tritt, eine rote Linie überschritten. Auch einige Kolleginnen wackeln. Über ihre Gründe sprechen sie mit den VN.

Kindergartenpädagogin kündigt nach 32 Jahren: „So kann ich nicht weitermachen“
Renate Hämmerle-Pfister: “Mit der neuesten Entwicklung will ich nicht mehr weitermachen.”

„Immer wieder gab es Änderungen und Mehrauflagen in meiner Zeit als Pädagogin. Doch mit der neuesten Entwicklung kann und will ich nicht mehr weitermachen“, erzählt Hämmerle-Pfister im VN-Gespräch. Sie hat ihren Job nach 32 Jahren gekündigt.

Einige ihrer Lustenauer Kolleginnen überlegen sich ebenfalls umzusatteln. Sie sind verzweifelt und prangern an, dass das neue Gesetz die Bedürfnisse der Kinder außer Acht stellt. Der Frust unter ihnen ist groß.

Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich

Durch das neue Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz werden in der Elementarpädagogik mehr Plätze für Kinder gebraucht. Die Gemeinden müssen ab sofort für alle drei bis sechsjährigen Kindern einen Ganztagsbetreuungsplatz gewährleisten. „Für uns bedeutet das längere Öffnungszeiten, Ferienbetreuung und zwangsläufig auch mehr Erziehungsarbeit, die von zu Hause auf den Kindergarten ausgelagert wird. Dazu passen allerdings die vorhandenen Strukturen nicht“, erklärt Ingrid Hämmerle-Golz vom Kindergarten Engelbach.

Kindergartenpädagogin kündigt nach 32 Jahren: „So kann ich nicht weitermachen“
“Wir sind keine Aufbewahrungsstätte”, sagen die Kindergartenpädagoginnen.

„Dieses Gesetz wird zwangsläufig zu Abstrichen bei unserer qualitativen Arbeit führen“, so Beate Weilguni. „Wir sind jedoch keine Aufbewahrungsstätte, sondern verfolgen einen Bildungsauftrag“, erklärt sie weiter. Die Pädagoginnen sind gezwungen mehr Zeit in der Gruppe zu sein und die Vorbereitungszeit zu kürzen. Für sie stimmen die Rahmenbedingungen für so ein Gesetz nicht. „Wir sind gefrustet. Man hat über unsere Köpfe hinweg etwas durchgeboxt, dass in der Praxis unmöglich funktioniert“, so Hämmerle-Golz.

Kindergartenpädagogin kündigt nach 32 Jahren: „So kann ich nicht weitermachen“
Hämmerle-Golz: “Mit dem neuen Gesetz steuern wir auf einen regelrechten Supergau zu.”

„Wir haben einen Bildungsauftrag, den wir erfüllen wollen und müssen“, so Eva Hofer. Mit einem Mehr an Kindern, weniger Fachpersonal und einer wachsenden Gruppe an Kindern, die eine besondere Betreuung brauchen, ist das nicht möglich. Die Arbeit wird immer mehr zur Beaufsichtigung der Kinder degradiert.

“Steuern auf Supergau zu”

Die Pädagoginnen fühlen sich im Stich gelassen. „Wir bleiben ungehört. Mit dem neuen Gesetz steuern wir auf einen regelrechten Supergau zu“, so Hämmerle-Golz. „Wir nehmen gerne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Eltern, aber eine 51,5-Stunden-Woche für ein Kind ist zu viel. Gebt den Kindern eine Pause“, so Weilguni.

Um dieses Gesetz erfolgreich stemmen zu können, brauche es ausgebildetes Personal, kleinere Gruppen, mehr Vorbereitungszeit und ausreichend Ruhezeiten für das Personal und die Kinder. „Das alles scheitert in erster Linie an fehlendem Fachpersonal“, so Hämmerle-Golz. „Wir wollen gezielt auf die Kinder eingehen. Dafür braucht es Erfahrung, eine Ausbildung und genug Personal. So wie die Situation sich darstellt, löschen wir nur noch das Feuer, statt gezielt mit den Kindern arbeiten zu können“, fügt Kindergartenpädagogin Beate Grabher hinzu. Die großen Verlierer sind für sie die Kinder.

Entlastung durch Sekretärin

Die Lustenauer Gemeinderätin Eveline Mairer (Grüne) versucht eine Lösung für die Pädagoginnen aufzuzeigen. „Wir müssen Unterstützungspersonal in Kindergärten installieren, um die Pädagoginnen zu entlasten. Ihre Zeit soll dem Kind gewidmet sein, nicht mit administrativen Tätigkeiten vergeudet werden“, so Mairer.

Land will unterstützen

Die Abteilung „Elementarpädagogik“ im Land Vorarlberg weiß von der herausfordernden Situation und dem Mangel. „Wir setzen gezielt Maßnahmen, um die Pädagoginnen zu unterstützen und versuchen, mit Schulungen entgegenzuwirken“, sagte Abteilungsleiterin Silvia Roth.

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