Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Christkind

23.12.2020 • 09:30 Uhr

Das Christkind (unsichtbar) fragt ein Schulkind: Was wünscht du dir zu Weihnachten?

Hier die Antwort (schriftlich): Das blaue Kleid, du weißt schon welches. Die weißen Stiefel, gefüttert mit echtem Lammfell, weil ich oft so eisige Füße habe, das Lamm wird eh nicht extra gemetzgert. Den roten Daunenmantel, den gibt es bereits um die Hälfte im Ausverkauf.

Dass ich mir die Haare färben darf.
Eine Wimperntusche.
Einen Lippenstift.

Dass die Oma keine Schmerzen mehr hat. Für den Opa einen Flanellpyjama, aus Gaudi einen hellblauen. Für den Papa ein Schach mit Elfenbeinfiguren. Für die Mama den grünen Ring vom Schaufenster, da würde sie nie draufkommen. Für meinen Bruder eine Darth-Vader-Maske, die gibt es um 19 Euro.

„Dass der Bundeskanzler sein Herz aus Stein endlich gegen ein warmes Herz eintauscht.“

Für uns alle ein Weihnachtsmenü von einem österreichischen Spitzenkoch, das kommt mit der Post, habe ich im Radio gehört, und es muss nur noch aufgewärmt werden. Damit die Mama nicht kochen muss und sie nicht mehr so gestresst ist wie sonst und herumschreit.

Du denkst dir sicher, ich habe die Menschheit vergessen, aber es ist so schwierig, der Menschheit etwas zu wünschen, außer was sich jede Schönheitskönigin wünscht: Keine Kriege, weg mit Corona, keinen Hunger, warme Decken, geheizte Zelte, niemand soll mehr unter der Brücke leiden.

Dass der Bundeskanzler sein Herz aus Stein endlich gegen ein warmes Herz eintauscht.

Der Wichtigste wäre die Liebe. Dass alle geliebt werden, ganz egal, wer sie sind und wohin sie gehören und von wo. Wie das dann aussieht, weiß ich auch nicht genau.

Ich möchte in normale Geschäfte einkaufen gehen, unser Papa hat alles bei Amazon bestellt. Bitte beschütze die Paketauslieferer! Ich wäre ihnen nicht böse, wenn sie hie und da etwas abzweigen, auch wenn es von uns ist.
Meine Oma will die Augen gar nicht mehr aufmachen, so genug hat sie vom Leben. Zeig ihr etwas, was ihr noch gefallen könnte! Mein Papa sollte wieder einmal ein Buch lesen, was er schon lange nicht mehr gemacht hat, das wäre so gemütlich. Keine Zeit, sagt er, auch keinen heißen Tee und keinen Whisky. Schenk ihm Zeit zum Lesen und Schachspielen!

Gib meiner Freundin dieses Jahr gar nichts, weil sie so schlecht zu mir war! Oder gib ihr nur das Nötigste, Pullover und so.

Bitte nie wieder etwas Selbstgebasteltes! Soll ich meinen Eltern eine Geschichte schreiben? Reicht eine halbe Seite? Kannst du das Handyverbot über die Feiertage für mich rückgängig machen? Ich will jeden Tag der Mama nicht beim Kochen helfen, ich steh eh nur im Weg. Ich will jeden Tag freundlich sein, und wenn ich grantig bin, will ich es mir nicht anmerken lassen. Bitte mach, dass meine Eltern nicht mehr streiten und fuchteln! Ich will die Treppe putzen und alle Fenster aufreißen, damit Weihnachtsluft hereinkommt, am liebsten Föhn. Schnee wünsche ich mir keinen. Weil sie im Wetterbericht gesagt haben, dass es für Weihnachten keinen geben wird, ich bin eh froh.

Ach, wenn es dich nur in Wirklichkeit gäbe, liebes Christkind! Ich wünsche mir, dass es dich gibt.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.