Weltbewegend für Generationen

Die Vespa, für viele die schönste Art der motorisierten Fortbewegung, ist heuer 75 Jahre alt.
Vespa „Motorrad mit sinnfällig arrangierten Komponenten und Kotflügeln sowie Hauben, welche die Technik bedecken.“ Im Italienischen kling die Patentbeschreibung vom 23. April 1946 natürlich schöner. So sperrig wie mit diesem Satz ist das wahrscheinlich praktischste Fortbewegungsmittel aller Zeiten danach ohnehin nie wieder beschrieben worden. Die Vespa hat Generationen bewegt und Bewegungen generiert. Würden wirklich alle, die jemals eine gefahren und geliebt haben, zusammenkommen, um das 75-Jahr-Jubiläum zu feiern, wäre das wohl die größte Geburtstags-Party aller Zeiten. Bei 19 Millionen Stück steht der offizielle Produktionszähler derzeit, dazu kommen noch Lizenz-Fertigungen um den halben Globus – die Vespa ist uneinholbar das erfolgreichste Fahrzeug aller Zeiten. Und hat dabei das Kunststück geschafft, trotzdem nie Mainstream zu sein.
Es wären auch viele große Namen unter den Gästen. Etwa Charlton Heston, Ursula Andress, Raquel Welch, John Wayne, Marcello Mastroianni, Joan Collins, Gary Cooper, Jean-Paul Belmondo oder Anthony Perkins. Zu alt? Wie wäre es dann mit David Bowie, Milla Jovovich, Antonio Banderas, Matt Damon, Eddie Murphy, Ben Stiller, Penelope Cruz oder Owen Wilson? Sie alle fuhren privat, im oder beim Film Vespa. Zum Teil in skurriler Aufmachung: Charlton Heston und Stephen Boyd etwa gasten 1959 am Set von Ben Hur herum – im Gladiatoren- und Legionärs-Kostüm. Dean Martin war bei seinen Aufenthalten in Rom auch vom Tempo des Rollers berauscht. Jude Law als nachdenklicher Womanizer Alfie stellt im gleichnamigen Film alle seine Beziehungen infrage – nur die zu seiner blau-weißen Vespa GT nicht. Begonnen hat der internationale Siegeszug 1953: Millionen Kinobesucher schauen Audrey Hepburn und Gregory Peck in „Ein Herz und eine Krone“ beim Verlieben zu – und beim Vespafahren. Ab da ist das Vehikel kein italienisches Phänomen mehr, sondern eine Weltbewegung. Es wiederholt seine Anziehungskraft auch bei späteren Leinwandauftritten: Sting bedeutet nun einmal Stachel – wer sonst hätte also als Ober-Mod in Quadrophenia die prächtigste Wespe aller Zeiten steuern können?
So wie sich die Menschen über die Jahrzehnte gewandelt haben, hat es auch der Kult-Roller selbst getan. Die Ära der räudigen Zweitakter mit Luftkühlung ist vorrüber, schon lange stecken solide Viertakter mit komfortabler Automatik unter der immer jungen Designlinie. Inzwischen auch schon akkubetriebene E-Motoren, wenn auch noch mit eher geringer Verbreitung – aber hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Kaum etwas gibt besser Auskunft über die Entwicklung, als die jeweilige Werbung und die Kalenderfotos. Vieles würde man sich heute so nicht mehr darzustellen trauen – es sei denn, man ist auf einen Shit-Storm der Sonderklasse aus. Aber aus der Vergangenheit zu lernen, gehört eben auch dazu – und wer könnte das besser bestätigen als der ehemalige Rüstungskonzern Piaggio, der mit seiner friedlichsten Erfindung schließlich die ganze Welt erobert? In diesem Sinn: Alles gute, Vespa! PAB

