Zukunft wartet in schwäbischer Provinz

Exklusiver Besuch im Daimler-Forschungszentrum für Brennstoffzellentechnologie.
Mercedes Nabern ist nun wahrlich nicht der Nabel der Welt. Die kleine Gemeinde gehört zu Kirchheim unter Teck. 2000 Einwohner, Hofladen, viel Landschaft und ein Industriekomplex, hinter dessen Mauern der Daimler-Konzern an der Zukunft bastelt. Und die gehört den Wasserstoffautos, davon sind sie hier überzeugt. „Die Brennstoffzellentechnologie ist integraler Bestandteil unserer Antriebsstrategie“, sagt Christian Mohrdieck im Gespräch mit den VN. Der 58-jährige ist „Hausherr“ in Nabern, wo in unscheinbaren Räumlichkeiten die Konzernforschung und Entwicklung für Brennstoffzellensysteme von Daimler untergebracht ist. Und hier finden die letzten Vorbereitungen für die Montage der hochkomplexen Antriebseinheit für das erste Serienfahrzeug von Mercedes statt.
Erprobungsfahrzeuge seien gerade aus Schweden zurück, sagt Mohrdieck. Der GLC F-Cell hat letzte Tests im kalten Norden absolviert, während in Nabern die Brennstoffzellenantriebe weiter auf Prüfständen ihre Kilometer herunterspulen. Wo man nur mit abgeklebten Objektiven am Smartphone hineindarf, werden den VN spannende Einblicke gewährt. Unter widrigsten Bedingungen bei Temperaturen zwischen -40 Grad und plus 85 Grad stehen Extremtests an. Sie sollen gewährleisten, dass die ersten Serienfahrzeuge die gewohnten 300.000 Kilometer laufen – egal auf welchem Kontinent und unter welchen klimatischen Bedingungen. Auch die Montagestraße ist fertig. 300 Minuten für einen Antrieb sind eingeplant. Anfangs werden wohl nur gut eine Handvoll Einheiten täglich gefertigt. Man könne die Produktion allerdings jederzeit hochfahren, heißt es im Werk.
Im schwäbischen Forschungszentrum, das weltweit als führend gilt, sind sie sichtlich stolz auf ihr neues Brennstoffzellensystem. „30 Prozent kleiner, 40 Prozent stärker, 25 Prozent leichter“, zählt Mohrdieck auf. Da es zudem mit 90 Prozent weniger Platin auskommt, sind auch die Kosten gesunken.
Erste Mitfahrt im GLC F-Cell
Das Werkstor öffnet sich. Noch in diesem Jahr bringt Mercedes das Familien-SUV GLC mit innovativem Antriebsstrang auf die Straße. Der Stuttgarter Hersteller wählt für sein erstes Serienmodell einen völlig neuen Ansatz. Brennstoffzellen- wird mit Batterietechnik kombiniert. Als erstes Plug-in-Wasserstoffauto kommt der GLC F-Cell 49 Kilometer mit der Batterie, weitere 437 Kilometer ermöglicht der Strom, den das Brennstoffzellensystem während der Fahrt produziert. Eine erste Mitfahrt in einem Vorserienmodell macht das Potenzial des Antriebs deutlich. Mit 350 Nm Drehmoment tritt das SUV vom Stand weg mächtig an. 200 PS Leistung hinterlassen sehr ordentliche Fahreindrücke. Angetrieben werden ausschließlich die Hinterräder, bei 160 km/h ist Schluss. Fahr- und Geräuschkomfort sind exzellent. Zur Serienreife brauche es nur ein wenig Feintuning, erklärt der Daimler-Techniker am Steuer des Wasserstoff-Benz.
Allerdings braucht es noch enorme Investitionen in die Infrastruktur. Sukzessive soll das Netz in ganz Europa ausgebaut werden. Bis 2025 soll etwa in Deutschland alle 90 Kilometer eine Wasserstoff-Zapfsäule zu finden sein.
Einmal volltanken ist in nur drei Minuten möglich. „Keine Emissionen, hohe Reichweiten und kurze Betankungszeiten sowie ein breites Einsatzspektrum von Pkw, Nutzfahrzeugen bis Bussen“, beschreibt Mohrdieck die Vorteile der Technologie, die auch außerhalb des Automobils für stationäre Anwendungen einsetzbar sei.
Die Brennstoffzelle könnte nicht weniger als dritte industrielle Revolution einläuten. Bis dahin arbeiten sie im beschaulichen Nabern weiter fleißig an der Zukunft.
Die volle Leistung steht schon vom Stand weg bereit. Fahr- und Geräuschkomfort sind exzellent.


