Aus sehr guten alten Zeiten

BMW offeriert der Gemeinde zum 90. Geburtstag eines der schönsten Motorräder.
BMW. Was hatte man nicht schon testhalber für heiße Eisen vor dem Fenster stehen! Bissige Renner mit Elektronik vom Allerfeinsten. Aber nie, niemals war die Resonanz auch nur vergleichbar. „Darf ich wenigstens probesitzen?“, tönt es reihum. Und dann dieser sehnsüchtige Unterton! Dabei hat BMW ja „nur“ seinen 90. Geburtstag gefeiert. Der Name des Retro Bikes, das den Runden ziert und derartige Gefühlsausbrüche hervorruft, erzählt davon: „NineT“, also ninety – zu Deutsch 90, alles klar? Keine Sorge, der Kreativitätsschub der Marketingabteilung ist auch schon das einzig Beklagenswerte an dieser neuen BMW, die so pur und schnörkellos daherrollt.
Kein technisches Feuerwerk entzündet sie wie die S 1000 R zum Beispiel. Auch nicht durch pure Größe beeindruckt das Geburtstagsbike wie die gewaltige Reiseenduro R 1200 GS. Nein, die R NineT ist einfach nur ein Boxer, der ohne all die Menüs und Assistenzsysteme allein dadurch beeindruckt, dass seine Machart überschau- und begreifbar geblieben ist. Ein pures Motorrad ist das, mehr nicht. Ein größeres Geschenk hätten sich die Bayern gar nicht machen können.
Vom Urahn inspiriert
1923 stellte BMW die legendäre BMW R 32 als erstes Motorrad vor. Mit 500 Kubik brachte sie gerade Mal 122 Kilo auf die Waage und war stolze 95 km/h schnell. 90 Jahre später hat die Jubiläumsmaschine 100 Kilo mehr auf den Rippen und auch jenseits der 200 km/h noch immer nicht genug.
Aber Geschwindigkeit ist nicht ihr Thema. Das dunkle Boxer-Grollen aus der linksseitig verlegten Auspuffanlage mit Doppelschalldämpfer untermalt stilvoll die Zeitreise. Der Soziusrahmen lässt sich mit ein paar Handgriffen demontieren. Den nötigen Höcker gibt’s ebenso als Sonderzubehör wie eine Akrapović-Abgasanlage aus Titan. So tastet man sich an das Lebensgefühl des legendären Ace Cafés in London heran. Ü-50-Nostalgiker sind denn auch die Zielgruppe der R nineT. Oder deren Söhne, die in den Fotoalben ihrer Väter all die frisierten Bikes der Marken BSA, Norten und Triumph bestaunten. Ihnen allen offeriert BMW mit der R NineT ein Stück fahrbare Nostalgie, allerdings auf dem technischen Stand von heute.
Man sitzt weit hinten, Oberkörper über den Tank gestreckt – das fühlt sich gut an. Auf Bergstraßen ist die R NineT in ihrem Element. Sich in die nächste Kurve reinfallen und vom durchzugsstarken Boxer wieder rausziehen lassen, das ist ein unvergleichlicher Genuss. Dabei bleibt der Fahrer bis auf ABS völlig auf sich allein gestellt. Traktionskontrolle? Fehlanzeige. Die R NineT erzählt aus Tagen, als es das noch gar nicht gab.
Fakten
Motor/Antrieb: Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, 1170 ccm, 81 kW (110 PS) bei 7550 U/min, max. Drehmoment 119 Nm bei 6000 U/min
Fahrleistung/Verbrauch: 0-100 km/h in 3,6 sec, Spitze über 200 km/h, Tank 17 l, Leergewicht 222 kg, Verbrauch 5,8 l (Test 6,0 l), Sitzhöhe 785 mm
Preis: 17.400 Euro