Geplanter Klosterbogen: „Kosten-Nutzen-Faktor stimmt nicht“

Die ÖBB präsentierten bei einer Infoveranstaltung im Bludenzer Musikschulsaal den geplanten Klosterbogen. Nicht alle Bürger sind von dem Bauvorhaben begeistert.
Bludenz Vor dem Garten von Egon Metzler rauschen mehrere Züge in der Stunde vorbei – Railjets, die Montafonerbahn und Güterzüge. Egon Metzler weiß genau, wann welcher Zug an seinem Garten vorbeifährt. Die Montafonerbahn fährt alle halbe Stunde, der Railjet einmal in der Stunde. Er erkennt sogar am Fahrverhalten, um welchen Zug es sich handelt. „Wenn es in der engen Kurve pfeift und quietscht, ist es ein Güterzug aus Osteuropa.“ Durch den engen Radius der Gleise, die in Richtung Klostertal abbiegen, quietschen die Räder. Bei einem größeren Radius werde dieses Quietschen reduziert. Und eben solch ein größerer Radius soll durch den geplanten Klosterbogen der ÖBB kommen.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Vor Kurzem luden die ÖBB zu einer Informationsveranstaltung zum geplanten Klosterbogen in den Musikschulsaal ein. Rund 70 Interessierte kamen. Der zweigleisige Abschnitt soll zwischen Brunnenfeld und Bings gebaut werden. Auf der eingleisigen Arlbergstrecke, auf der täglich 120 Züge verkehren, kommt es immer wieder zu Verspätungen. Diese Verspätung wirkt sich auf den Gegenzug aus, der dadurch länger im Bahnhof warten muss. Die ÖBB wollen also mit dem Bau des 1,4 Kilometer langen Klosterbogens nicht nur die Erschütterungen und Lärmemissionen verringern, sondern vor allem die Pünktlichkeit und Stabilität des Fahrplans erhöhen. Ein wichtiger Punkt ist auch die Optimierung der Betriebsabwicklung im Bahnhof Bludenz. Die Züge werden in Zukunft im Klosterbogen kreuzen und müssen nicht mehr im Bahnhof auf den verspäteten Gegenzug warten. So ist das Gleis im Bahnhof für den nächsten Zug frei.


Skepsis bei der Bevölkerung
„Im Verhältnis zu den Kosten ist der Nutzen gering. Die öffentlichen Mittel sollen nach dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit zweckmäßig und sparsam eingesetzt werden“, dieser Ansicht ist ein Bludenzer, der namentlich nicht genannt werden will. „Die Bahnsteigknappheit kaufe ich der ÖBB nicht ab.“ Auch Josef Gantner, Wanderführer des Seniorenclubs Bludenz und regelmäßiger Zugfahrer, ist überzeugt: „Die Fahrplanstabilität kann man auch woanders reinholen. Der Kosten-Nutzen-Faktor stimmt nicht.“ Egon Metzler, der Im Moos wohnt, findet den einen Kilometer, auf dem die Bahnstrecke zweigleisig wird, zu kurz, als dass dieser große Vorteile mit sich bringen würde.

Mit der neuen Gleisführung einher geht auch die Verlegung der bestehenden Landesstraße 97 in Richtung neues Gleisbett. Die jetzige Landesstraße sowie die bestehende Bahnstrecke werden in diesem Zuge zurückgebaut. Daraus ergibt sich, dass auch die bestehende Kreuzung der L97 und L190 adaptiert werden muss. So ist ein neuer Kreuzungsbereich mit einer T-Kreuzung oder mit einem Kreisverkehr geplant, jedoch wurde noch keine Variante fixiert.
Klosterbogen der ÖBB: Zeitplan
2023 bis 2025: Planung
2024 bis 2025: Behördenverfahren
2025: Grundeinlöse
2025 bis 2027: Detailplanung/ Ausschreibungen
2026: Baustart
2026 bis 2028: Bauphase
Was vielen Bludenzern sauer aufstößt, ist die Zerschneidung des Grundstücks zwischen Brunnenfeld und Wald. Josef Gantner sagt, von der Erdqualität her sei „dieser Boden der beste im Oberland“. Dem stimmt auch Egon Metzler zu: „Das wertvolle Grundstück wird zerschnitten und die Bewohner in Brunnenfeld kriegen die Bahn näher dran.“

Bei der Informationsveranstaltung der ÖBB hieß es nach mehrfachem Fragen aus der Bevölkerung, dass man Lärmschutz- und Erschütterungsmaßnahmen prüfen und – wo notwendig – auch umsetzen werde. Für Egon Metzler wäre wichtig, dass eine Lärmschutzwand gebaut wird. Es gibt zwar schon eine, doch diese hört genau ein Grundstück neben seinem Garten auf. Er vermutet, dass der Bahn damals das Geld ausging, um die Lärmschutzwand weiter fortzuführen. „Bis hinter dem Umspannwerk wäre eine Lärmschutzwand gut. Denn auch wenn die Fenster geschlossen sind, höre ich den Zug.“ Dabei seien die Railjets gar nicht mal so das Problem, sondern eher die Güterzüge.


Rad- und Gehweg geplant
„Das Projekt steht noch ganz am Anfang“, informierte der Pressesprecher der ÖBB, Christoph Gasser-Mair. Stefan Duelli, Verkehrsplaner des Landes Vorarlberg, betonte die Wichtigkeit des Projektes aus Sicht des Landes. Man wolle mit einer zukunftsfähigen Infrastruktur die Bahn stärken. „Wir erwarten zudem eine Verbesserung für Radfahrer.“ Dies freut besonders Bürgermeister Simon Tschann, entsteht doch durch den Bau des Klosterbogens und die Verlegung der Landesstraße eine neue Rad- und Gehwegverbindung von Bludenz bis Brunnenfeld.

Der zweigleisige elektrifizierte Abschnitt soll Unterflur gebaut, also herabgesenkt werden. Rechts und links davon wird eine Steinmauer Lärmemissionen reduzieren. „So verschwindet die Bahn in die Landschaft“, ist Streckenplaner Thomas Gstreinthaler überzeugt. Die Landesstraße wird – analog zur bestehenden Straße – geländegleich gebaut. „Durch den neuen Oberbau gibt es eine geringere Erschütterung und Lärmentwicklung“, so Gstreinthaler. Eine weitere Lärmreduzierung wird dadurch erzielt, dass die Radien größer werden und es künftig nur noch zwei statt drei Gleisbögen geben wird, eine Kurve fällt also weg.


Projektkoordinator Günter Stimpfl (in Vertretung für Harald Schreyer) weiß um die längere Vorgeschichte des Bauprojekts Bescheid: „Die Geschichte hat 2000 begonnen. 2005 wurde das Projekt erstmals eingereicht und ist aus finanziellen Gründen zurückgestellt worden.“ 2009 habe man dann einen zweiten Versuch gestartet und ist wieder gescheitert. „Mittlerweile hat das Projekt einen langen Bart bekommen, doch aller guten Dinge sind drei“, sagte Stimpfl.

Die weiteren Schritte
Der nächste größere Schritt wird erst einmal das UVP-Verfahren sein (Umweltverträglichkeitsprüfung). Wirkfaktoren auf die Menschen wie Lärm, Erschütterungen, Luftschadstoffe, Licht, Blendung, Verschattung und die elektromagnetischen Felder werden genauso untersucht wie die Auswirkungen auf bestehende Biotope. Nach dem UVP-Gutachten könne man dann laut Wolfgang Schütz vom Umweltbüro Schütz in die Verhandlung zur Grundsatzgenehmigung und im Anschluss in die Detailplanung gehen. Bis 2025 läuft das Behördenverfahren. Nach der Grundeinlöse und der Detailplanung könne man mit einem Baustart im Jahr 2026 rechnen. Die Bauphase würde – wenn alles nach Plan läuft – bis 2028 dauern. VN-JUN

