“Integration ist wie ein Tanz – man braucht zwei, damit er gelingt”

Vor vielen Jahren kam Samireh Golzar als Besucherin ins Naflahus. Heute ist sie eine tragende Kraft – und seit 2025 Ute-Bock-Preisträgerin.
Feldkirch, Frastanz Als Samireh Golzar im Jahr 2003 nach Österreich kam, ließ sie viel zurück: ihr Zuhause, ihren Beruf, ihr vertrautes Leben im Iran. Dort hatte sie Architektur studiert und als Lehrerin an einem Gymnasium gearbeitet. In Feldkirch begann für sie alles neu – mit der Hoffnung, sich ein Leben in Sicherheit und Würde aufzubauen.

Zwei Jahrzehnte später wurde die 65-Jährige mit dem Bock Preis 2025 geehrt. Die Auszeichnung wird jährlich an geflüchtete Menschen in Österreich vergeben, die sich auf besondere Weise für andere einsetzen. Samireh tut in ihrem Ehrenamt genau das – mit ganzem Herzen.

Vom Zuhören zum Handeln
Zunächst war sie selbst Besucherin im Naflahus, einem offenen Treffpunkt in Feldkirch für Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte. Dort werden Begegnung, Bildung und Teilhabe gefördert. Samireh suchte damals Anschluss, Austausch, ein Gefühl des Ankommens. “Ich habe das Gespräch, das Zuhören und das Miteinander sehr vermisst. Worte haben die unglaubliche Kraft, Mauern einzureißen”, erzählt die Frastanzerin. Heute ist sie selbst eine tragende Säule: Sie unterstützt tatkräftig die Nähwerkstatt, hat immer ein offenes Ohr und vermittelt zwischen Sprachen und Kulturen. Außerdem hat sie ein regelmäßiges Treffen für arabisch- und persischsprachige Frauen ins Leben gerufen.

Ein Zuhause schaffen
“Unsere Treffen sind wie ein Zuhause fern der Heimat, das uns alle auf besondere Weise miteinander verbindet. Wir sprechen, lernen, lachen, weinen und das oft alles an einem einzigen Nachmittag”, erzählt die 65-Jährige mit einem Lächeln. Während die Mütter im Austausch Kraft schöpfen, treffen sich die Kinder zum gemeinsamen Spielen.
Verwurzelt im Garten
Auch beim Verein “Aufblüherei” ist Samireh mit großer Hingabe aktiv. “Ich sah Menschen, die gemeinsam die Gartenanlage pflegten – Männer, Frauen, Kinder. Da wurde etwas in mir wach”, erinnert sich die Bock-Preisträgerin an den Tag zurück, als sie den inklusiven Gartenverein zum ersten Mal entdeckte. Was als Beobachtung begann, wurde zu einer tiefen Verbundenheit mit der Gemeinschaft.

Ein stiller Moment der Anerkennung
Dass sie für dieses Engagement ausgezeichnet wurde, erfüllt die gelernte Architektin mit Dankbarkeit – und mit einem Gefühl von Verantwortung. “Es war ein stiller Moment, fast wie ein Sonnenstrahl nach langem Regen. Mein erster Gedanke war: Das ist nicht nur für mich, das ist für all die stillen Heldinnen, die ich begleiten darf.”

Ein starkes Fundament – auch privat
Samireh ist selbst Mutter von vier Kindern – und stolz darauf, was sie erreicht haben. Ihre Tochter spricht vier Sprachen, hat Jus studiert und unterrichtet heute Deutsch. Ein Sohn ist Grafikdesigner und hat einen Master in Architektur abgeschlossen. Zwei weitere Söhne arbeiten als Mechatroniker, einer davon zusätzlich im Bereich Applikationsentwicklung. Ihre Kinder sind für sie der lebendige Beweis, wie viel Bildung und Unterstützung in einem neuen Land bewirken können.

Hürden des Alltags
Trotz positiver Entwicklungen stößt Samireh in ihrer Arbeit immer wieder auf große Herausforderungen – vor allem im Leben der Frauen, die ihre Unterstützung suchen. “Die größten Hürden sind Sprachbarrieren, Angst und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Viele Frauen sind mit ihren Kindern allein, sie haben niemanden”, erzählt die Frastanzerin. Erfahrungen von Flucht, Verlust und Gewalt prägen die Lebensgeschichten der Betroffenen bis heute.

Samireh begegnet ihren Schicksalen mit Geduld, Empathie und dem tiefen Vertrauen in die Kraft persönlicher Begegnung. Für sie beginnt Integration nicht mit Formularen, sondern mit Menschlichkeit und einem offenen Ohr. “Brücken entstehen, wenn wir uns nicht über Herkunft, Religion oder Kleidung definieren, sondern über das Menschsein”, ist sich die 65-Jährige sicher.
Mit offenem Herzen und Zuversicht
Entgegen allen Hürden blickt Samireh nach vorn, denn für sie steht fest: “Integration ist wie ein Tanz. Man braucht zwei, damit er gelingt.” Die Bock-Preisträgerin tanzt ihn mit offenem Herzen – und mit der festen Überzeugung, dass jede Begegnung ein Anfang sein kann.
Das Naflahus in Feldkirch ist ein Ort für Austausch, Unterstützung und Miteinander. Interessierte finden weitere Informationen unter www.naflahus.at.
Zur Person
Name Samireh Golzar
Geboren am 1. Dezember 1959 in Najaf
Wohnort Frastanz
Beruf Pensionistin
Ausbildung Buchbinderin, Bachelor in Architektur
Familie verheiratet, vier Kinder
Hobbys ehrenamtliche Tätigkeiten