“Am liebsten wäre ich mit gestorben”

Menschen / 08.07.2024 • 13:43 Uhr
Ingrid und Karl-Heinz, für Martina Kuster
Ingrid und Karl-Heinz Gmeiner waren unzertrennlich.

Ingrid Gmeiner (74) pflegte ihren Mann Karl-Heinz sechs Jahre lang. Seit zwei Jahren ist sie Witwe. Die Lauteracherin sehnt sich nach einem neuen Partner.

Lauterach 53 gemeinsame Jahre waren den beiden beschieden. Das Paar, das sich beim Tanzen kennengelernt hatte, hielt zusammen, auch in Zeiten, in denen es nicht so gut lief. „Wie in jeder langjährigen Ehe gab es auch bei uns Höhen und Tiefen. Aber das brachte unsere Ehe nicht ins Wanken“, erzählt Ingrid Gmeiner (74).

Langes Leiden

Als ihr Mann Karl-Heinz – ein begeisterter Laienschauspieler – schwer krank wurde, wich Ingrid nicht mehr von seiner Seite. Das Leiden ihres Mannes zog sich über sechs Jahre. Im Jahr 2016 erkrankte Karl-Heinz an Kehlkopfkrebs. „Meinem Mann musste der Kehlkopf herausoperiert werden. Er verlor seine Stimme.“ In der Folge rissen die Hiobsbotschaften nicht mehr ab. 2018 entdeckten Ärzte einen Tumor an seiner Blase. Sie musste entfernt werden. 2020 diagnostizierte man Karl-Heinz Hautkrebs. „Er hatte eine Geschwulst an der Nase.“ Und als ob das alles nicht reichen würde, musste man ihm wegen eines Gewächses auch noch eine Niere entfernen. „Meinem Mann drohte Dialyse. Das wollte er nicht mehr. Karl-Heinz hörte auf zu kämpfen. Er starb am 22. Juni 2022“, berichtet seine Witwe mit stockender Stimme.

Ingrid und Karl-Heinz, für Martina Kuster
Ingrid und Karl-Heinz Gmeiner waren mehr als 50 Jahre verheiratet.

Sechs Jahre pflegte Ingrid ihren Mann mit Hingabe und mithilfe des Krankenpflegevereins Lauterach. „Ohne den Krankenpflegeverein hätte ich es nicht geschafft. Die Schwestern kamen mehrmals in der Woche, behandelten seine Wunden, wechselten Verbände, gaben ihm Schmerzmittel, wuschen ihn und richteten ihn für die Nacht her.“ Auch als der zweifache Vater im Sterben lag wurde Ingrid von Sonja Kaiser (54), der Leiterin des Pflegedienstes, unterstützt. „Mein Mann mochte Sonja. Wenn sie kam, lächelte er übers ganze Gesicht.“ Die Pflegedienstleiterin nahm Ingrid die Angst vor seinem Sterben. „Sonja vermittelte mir Sicherheit und gab mir ihre Privatnummer für den Notfall.“

Ingrid und Karl-Heinz, für Martina Kuster
Karl-Heinz Gmeiner starb am 22. Juni 2022. Er wurde 75 Jahre alt.

Die Lauteracherin ist voll des Lobes für den Krankenpflegeverein Lauterach. „Dank ihm musste mein Mann nicht ins Spital. Er konnte daheimbleiben und hier friedlich sterben.“ Ingrid schluckt. „Am liebsten wäre ich mit gestorben“, sagt sie dann nach einer längeren Pause des Schweigens. Der Verlust ihres langjährigen Gefährten hinterließ eine große Leere in ihrem Leben. „Mir fehlt das Umarmen und Küssen. Ich habe jetzt auch niemanden mehr zum Reden.“

Ingrid und Karl-Heinz, für Martina Kuster
Ingrid pflegte ihren schwerkranken Mann sechs Jahre lang.

Untertags lenkt sie sich mit allen möglichen Arbeiten vom Verlustschmerz ab. „Als Erstes habe ich den Keller aufgeräumt.“ Abends sieht sie lange fern, um zu verhindern, dass sie zu sehr ins Grübeln kommt.“

Was ihr hilft, ist das Tagebuchschreiben. „Ich schreibe mir alles von der Seele.“ Es tut ihr auch gut, wenn sie in Erinnerungen schwelgt. „Ich lebe von den Erinnerungen. Das stärkt mich.“ Aber manchmal driften ihre Gedanken unweigerlich in die Zukunft ab. In dieser sieht sie sich an der Seite eines Mannes. „Ich beneide alle, die einen Partner haben.“ Ingrid ist offen für eine neue Liebe. „Ich suche keinen Mann, lasse mich aber gerne finden.“ Noch einmal glücklich sein – das wäre der große Wunsch der Witwe. Das wäre auch ganz im Sinne von Karl-Heinz. „Er hat mir gesagt, dass er sich freuen würde, wenn ich nach seinem Tod noch einmal eine Beziehung eingehe.“

Ingrid und Karl-Heinz, für Martina Kuster
Ein Spaziergang mit Karl-Heinz.

Ein halbes Jahr vor seinem Tod ließ sie sich auf ihrem linken Arm ein Tattoo machen. „Ich habe mir das Kosewort Schatz und ein Herz stechen lassen. Karl-Heinz nannte mich immer Schatz.“ Das Gefühl, ihn mittels Tattoo überall bei sich zu haben, beglückt sie.

Marent
Sonja Kaiser, die Pflegedienstleiterin des Krankenpflegevereins Lauterach (rechts), war Ingrid eine große Stütze.