Keine Gnade: Der Doppelmörder Egon Ender aus Altach landet als letzter Vorarlberger am Galgen

In seiner auf akribischen Archivstudien basierenden Täterbiografie zeichnet Harald Walser das historische Umfeld nach, in dem der Mörder aufwuchs und der Mord geschah.
Altach Im September 1946 erschütterte ein schrecklicher Doppelmord die Rheintalgemeinde Altach. Der Textilfabrikant Leonhard Giesinger (Firma „Legial“) wurde erstochen, seine schwangere Gattin erschlagen und das Haus angezündet. Der fast noch jugendliche Täter Egon Ender war schnell ausgeforscht. Er wurde in Feldkirch vor Gericht und hingerichtet. Ab 1945 war für dieses Delikt die Todesstrafe zwingend vorgesehen. Milderungsgründe – und solche gab es in diesem Fall einige – wurden erst ab 1948 im Gesetz verankert.
Bis 1948 war für dieses Delikt die Todesstrafe vorgesehen. Die Berufs- und Laienrichter waren für eine Begnadigung. Vergeblich. Es war die letzte Hinrichtung in Vorarlberg.
Dieses Gewaltverbrechen hinterließ im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde tiefe Spuren. Noch immer kursieren in der Heimatgemeinde des Historikers Harald Walser viele Geschichten über den Tathergang und den Täter. War Egon Ender wirklich ein Einzeltäter? Was hat ihn zum kaltblütigen Doppelmord getrieben? War die Vollziehung der Todesstrafe tatsächlich unumgänglich? Der Autor ist diesen Fragen auf den Grund gegangen.
Triste Kindheit und ein verrohtes Umfeld
Walser zeichnet in seiner auf akribischen Archivstudien beruhenden Täterbiographie das historische Umfeld nach, in dem der Mörder aufgewachsen und der Mord geschehen ist.
Bereits seit seiner Kindheit war der spätere Mörder institutioneller Fremdbestimmtheit ausgesetzt. Er kam als zweitältestes von insgesamt fünf Kindern des Stickers Stefan Ender 1925 auf die Welt. Die familiären Verhältnisse waren mehr als trist: Sein alkoholsüchtiger Vater schlug sich als Bauarbeiter mehr schlecht als recht durchs Leben, die Mutter war jahrelang krank und verstarb früh. Die Kinder wurden ein Fall für die Fürsorge und landeten zeitweise im Altacher Armenhaus.

Walser zeichnet nach, wie die einst reiche Stickereigemeinde Altach durch die Weltwirtschaftskrise verarmte und welche Auswirkungen dies auf das Sozialsystem hatte. Wir können nur ahnen, welche Spuren das Leben im Armenhaus beim dreijährigen Egon hinterlassen hat. Er und sein jüngerer Bruder Max kamen schließlich beim Dachdeckermeister Johann Weber und seiner Gattin als Pflegekinder unter. Sie kümmerten sich während der austrofaschistischen Zeit aufopferungsvoll um die ihnen anvertrauten Pfleglinge. Das „eiserne Sparen“ der öffentlichen Hand sorgt allerdings dafür, dass das Pflegegeld für die Volksschulkinder nicht ausreicht.
Doch für den Historiker steht außer Zweifel, dass die Tat in den Kontext der gesellschaftlichen Verrohung durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gestellt werden muss. Er zeigt auf welche Spuren der NS-Terror das in der Nachkriegsgesellschaft hinterlassen hat. Die öffentliche Gewaltenthemmung findet auch in der Nachkriegskriminalstatistik ihren Niederschlag. Enders Doppelmord ist ein Teil davon.
Luxusleben eines „Armenhäuslers“
Walsers Recherche liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Wäre er ein Romanautor, würden ihm die Kapriolen im Lebenslauf des Doppelmörders wahrscheinlich als zu fantasievoll angekreidet werden. Egon kommt nach der Okkupation Österreichs im Rahmen einer NS-Kinderlandverschickung in eine Oberschicht-Familie in Münster (Westfalen). Der neue Pflegevater ist Kapitän Otto Hersing, im 1. Weltkrieg höchst dekorierter „U-Boot-Held“, nun ein strammer Gefolgsmann der neuen Machthaber. Plötzlich hineinkatapultiert in ein Luxusleben, lernt der pubertierende Egon die Schattenseiten der bürgerlichen Oberschicht kennen: Auch seine neue NS-Uperclass-Pflegemutter spricht dem Alkohol in Übermaßen zu. So rasch der soziale Aufstieg, so schnell der tiefe Fall. Egon wird nicht – wie erhofft – adoptiert, sondern nach zwei Jahren ins Altacher Elend zurückgeschickt.

Dieses unerwartete Zurückstoßen in die Tristess löst in der jugendlichen Psyche eine schwere Erschütterung aus. Im Mordprozess geht der Gerichtspsychiater ausführlich darauf ein. In Altach stand Egon kein Dienstmädchen mehr zur Verfügung, das Geld reichte dem Automechanikerlehrling hinten und vorne nicht, um seinen erträumten Lebensstil zu verwirklichen.
Ein unglaublich kaltblütiger Doppelmord
Habsucht und Geltungssucht führten ihn in den Abgrund. Im amtlichen „Erziehungsbericht“ wurden jedoch auch positive Charakterzüge festgestellt. „Niemand hätte ihm in Altach ein Verbrechen, wie er es begangen hat, niemand zugetraut“. Und dennoch: Mit unglaublicher Empathielosigkeit ersticht er in einem Kampf den Textilfabrikanten, dem er angeblich ein Moped verkaufen wollte, erschlägt mit einem Beil die Schwangere, plündert das Haus aus und zündet es an. Der Abtransport der Beute in sein Quartier in Hohenems, wo er im Autohaus Beck beschäftigt ist, dauert stundenlang. Er ist ausgeforscht, bevor die Kriminalpolizei aus Bregenz eintrifft. Ungeniert spazierte er im Anzug des Ermordeten durch Hohenems, und eine Verletzung, die er im Kampf mit dem Mordopfer erlitten hatte, verrät ihn sofort.
Viele haben ihr Scherflein dazu beigetragen, dass Egon zum Mörder wurde: Sein kleinkrimineller Vater, sein älterer Bruder Alfons, der im Krieg Scharfschütze war und ihm vorschwärmte, wie leicht das Töten ist. Beide werden zunächst der Hehlerei und der Beihilfe verdächtigt, doch nach monatelanger Haft entlassen. Auch die Schwester und der Schwager seiner Freundin Leopoldine Kautny geraten in Verdacht. Der Einfluss der „Rösslers“ auf den jungen Mechaniker war alles andere als positiv.
Seiner Freundin will er imponieren: Er schenkt ihr das gestohlene Radio und mit dem erbeuteten Geld kauft er Kinokarten. Am Abend nach dem Mord geht er mit ihr ins Kino. Inhalt des Films: Ein Doppelmord, der mit der Hinrichtung des Mörders endet!
Der Doppelmord und der Prozess finden weit über das Land hinaus medialen Niederschlag. Die Gemeinde ist zutiefst erschüttert. Als in der Kirche ein Entschuldigungsschreiben des Täters vorgelesen wird, murrt das Kirchenvolk. Auch der Justizapparat ist gespalten, denn die Verfassungsmäßigkeit der Todesstrafe ist unklar, und umstritten ist auch, wie Ender gehängt werden soll. In der Früh des 16. September 1947 vollzieht der Wiener Scharfrichter Leopold Zaglauer die Exekution, die vom Obersten Gerichtshof gebilligt wurde, am „Würgegalgen“.
Im Nachwort: Altlandesgerichtspräsident Alfons Dür gegen die Todesstrafe
Altlandesgerichtspräsident Dür gibt im Nachwort einen rechtsgeschichtlichen Überblick über die Abschaffung der Todesstrafe und begründet, warum sie prinzipiell abzulehnen ist: „Von allen Geboten und Vorschriften, die Religionen und Kulturen aufgestellt und entwickelt haben, ist das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ das selbstverständlichste, das einleuchtendste, das naheliegendste. Es ist Grund und Fundament jeder Gesellschaft. Nichts Schlimmeres gibt es, als einem Menschen das Leben zu nehmen.“ Und er weiß, wie Richter Franz Erne unter dem Todesurteil, das er aussprechen musste, gelitten hat. Er wäre – wie die anderen Richter – für die Begnadigung des Doppelmörders gewesen.
Die Todesstrafe wurde 1950 im ordentlichen Verfahren in Österreich abgeschafft. 1968 war sie endgültig Geschichte, nachdem sie auch im standrechtlichen Verfahren ausgeschlossen wurde.
Dem Fazit Dürs kann nur beigepflichtet werden: „Die vielen Details, die Harald Walser zum Doppelmord von Altach zusammengetragen hat, machen die Tat nicht fassbarer, nicht verständlicher, nicht akzeptabler. Fassbarer aber wird der Mensch, der diese Tat begangen hat.“
Werner Bundschuh
Harald Walser: Vorarlbergs letzte Hinrichtung. Der Fall des Doppelmörders Egon Ender. Edition V, Jänner 2024
Buchpräsentation mit Autor Harald Walser
Grußworte: Markus Giesinger, Bürgermeister der Gemeinde Altach
Laudatio: Alfons Dür, Präsident des Landesgerichts a. D.
Montag, 22. Jänner 2024 um 19 Uhr
KOM Altach
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in Kooperation mit der Gemeinde Altach
und der Johann-August-Malin-Gesellschaft
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