Hasan und sein Glaube an das Gute im Menschen

Menschen / 11.12.2023 • 16:20 Uhr
Hasan Agva verließ vor 37 Jahren die Türkei. Vorarlberg wurde schnell zu seiner Heimat.<span class="copyright"> kum  </span>
Hasan Agva verließ vor 37 Jahren die Türkei. Vorarlberg wurde schnell zu seiner Heimat. kum

Hasan Agva (57) lernte seine Mutter nie kennen. Sie starb drei Wochen nach seiner Geburt. Als Zweijähriger erkrankte er an Kinderlähmung. Seither geht er mit einer Behinderung durchs Leben.

Lauterach Hasan Agva (57), der in einem Dorf im Süden der Türkei geboren wurde, kennt seine Mutter nur vom Hörensagen. „Sie starb drei Wochen nach meiner Geburt.“ Elif, eine Verwandte von Hasans Vater, nahm das Baby an. Im Alter von zwei Jahren – Hasan konnte bereits gehen – erkrankte er an Kinderlähmung. „Ich bekam Fieber und konnte plötzlich nicht mehr gehen. Denn meine linke Körperseite war gelähmt.“ Der kleine Bub konnte sich jetzt nur mehr kriechend fortbewegen. „Jahrelang war ich nur am Boden. Es war schlimm. Ich fühlte mich benachteiligt, obwohl ich mit Elifs fünf Enkeln Spielgefährten hatte. Sie waren wie Geschwister für mich.“

Harte Jahre in der Stadt

Als Hasan neun Jahre alt war, fertigte ihm ein Onkel aus Holz Krücken an. Dank diesen konnte Hasan endlich aufrecht stehen und gehen. „Das war ein wunderbares Gefühl.“ Jetzt konnte der körperlich schwer gehandicapte Bub die Schule besuchen. „Ich war ein sehr guter Schüler.“ Hin und wieder kam es jedoch vor, dass Mitschüler ihn wegen seiner Behinderung hänselten. „Sie schimpften mich Krüppel. Das beleidigte mich schwer.“

Inzwischen lebte Hasan bei den Eltern seiner Stiefmutter, weil sein Vater und dessen zweite Frau als Gastarbeiter nach Österreich gegangen waren. „Sie nahmen mich gut an. Ich tat ihnen leid, weil meine Mutter früh gestorben war.“ Obwohl Hasan als Kind mehrmals aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen wurde und sich immer wieder auf neue Bezugspersonen einstellen musste, hat er seine Kindheit in guter Erinnerung. Denn die Menschen um ihn herum waren gut zu ihm. „Ich war auf das Gute im Menschen angewiesen und wurde nicht enttäuscht. Vielleicht sehe ich deshalb immer nur das Positive in den Menschen.“

Hasan als junger Mann.
Hasan als junger Mann.

Mit 14 Jahren zog Hasan in die nächstgelegene Stadt, um dort die Mittelschule zu besuchen. „Ich wohnte im Haus meines Vaters, welches er vermietet hatte. Ich hatte dort ein kleines Zimmer. Es waren harte Jahre. Denn ich war auf mich allein gestellt, musste alles allein meistern, mit meinen Einschränkungen.“ In diesen schwierigen Jahren, so sagt er, sei er schnell erwachsen geworden.

1986 verließ der junge Mann die Türkei in Richtung Österreich, weil in Vorarlberg mittlerweile ein Teil seiner Familie lebte. „Ich konnte schon nach kurzer Zeit mit den Menschen hier reden. Mir kam zugute, dass ich in der Mittelschule Deutsch als Fremdsprache hatte.“ In den ersten zwei Jahren in Vorarlberg stand das Deutschlernen im Vordergrund. „Ein Zivildiener unterstützte mich dabei.“ Auch bei den regelmäßigen Stammtischtreffen mit anderen beeinträchtigten Menschen konnte er seine Deutschkenntnisse verbessern und außerdem Einheimische kennenlernen.

Hasan wollte etwas aus sich machen. Er strebte nach einer guten Ausbildung. Deshalb besuchte er zwei Jahre lang eine berufsbildende höhere Schule in Linz. „Ich machte den Lehrabschluss zum Bürokaufmann.“ Aber der türkischstämmige Mann wollte höher hinaus. „Ich habe die Studienberechtigungsprüfung abgelegt und begonnen, neben meiner Arbeit im Finanzamt Jus zu studieren.“ Den ersten Studienabschnitt schaffte er, aber dann wurde ihm alles zu viel. „Ich brach das Studium ab.“

Hasan, der frischgebackene Bürokaufmann, bei der Abschlussfeier.
Hasan, der frischgebackene Bürokaufmann, bei der Abschlussfeier.

Privat hatte sich inzwischen auch viel getan bei Hasan. „1998 habe ich Hatice geheiratet.“ Das Ehepaar bekam drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Der körperlich beeinträchtigte Mann ist dem Schicksal zutiefst dankbar, dass sein Traum von einer eigenen Familie in Erfüllung ging. „Viele Jahre fragte ich mich, ob ich je eine Freundin oder Frau haben würde.“

Auch beruflich wurden seine Wünsche wahr. Im Jahr 2003 machte er sich im Einzelhandel selbstständig. „Ich bin mein eigener Chef. Das gefällt mir. Anfangs hatten aber einige meiner Kunden Vorbehalte gegen mich. Für sie war ich ein Ausländer mit einem Handicap.“ Doch es dauerte nicht lange, und Hasan konnte mit seiner Freundlichkeit und seiner liebenswerten Art seine Kunden für sich einnehmen.

Stolzer Vater. Hasan mit seinem Sohn Aziz.
Stolzer Vater. Hasan mit seinem Sohn Aziz.

Es macht ihn stolz, dass aus ihm trotz seiner körperlichen Einschränkungen und ausländischen Herkunft etwas geworden ist in Österreich. „Ich bin ein Beispiel für gelungene Integration“, sagt er, greift zu seinen Krücken und macht sich zu Fuß auf den Weg zu seinem nahegelegenen Geschäft. Aber heute heißt es besonders aufpassen. Denn die Gehsteige sind zum Teil vereist. „Es kommt öfters vor, dass ich hinfalle. Oft komme ich dann nur schwer wieder auf die Beine.“ Das sind die Momente, in denen Hasan sich benachteiligt fühlt und seine Behinderung verwünscht.