Warum der Historiker, Autor und Archivar Dieter Petras am liebsten Postler wäre

Menschen / 29.11.2023 • 17:30 Uhr
Dr. Dieter Petras mit seinem jüngsten Kind. „Der Phantast in der Vorhölle“, ein Buch über die Lebensgeschichte des Ludescher Afrika-Auswanderers Eduard Fritz. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Dr. Dieter Petras mit seinem jüngsten Kind. „Der Phantast in der Vorhölle“, ein Buch über die Lebensgeschichte des Ludescher Afrika-Auswanderers Eduard Fritz. VN/Paulitsch

Das Walgau-Archiv wird in Ludesch am Freitag eröffnet. Das Hirn dahinter ist eine Persönlichkeit Marke Tausendsassa.

Darum geht’s:

  • Das Walgau-Archiv wird die historische Schatzkammer des Walgaus sein.
  • Vier Ausstellungen präsentieren die Geschichte der Region und berührende Schicksale.
  • Der Hauptakteur der kulturellen Aktivitäten, Dieter Petras, war früher Postbote.

Ludesch Der groß gewachsene Mann mit der voluminösen Stimme ist gut gelaunt. Kein Wunder. Dieter Petras (59) freut sich auf die kommenden Tage: auf die Eröffnung des Walgau-Archivs im Gemeindeamt Ludesch, auf den Tag der offenen Tür, auf die im Rahmen dessen präsentierten vier Ausstellungen im schmucken Herzstück der 3200 Seelen-Gemeinde. Diese Freude teilt er mit den Archivar-Kollegen Abraham Hartmann aus Ludesch und Stefan Stachniß, im Haupterwerb Stadtarchivar von Bludenz.

Dieter Petras ist im Walgau-Archiv in Ludesch nicht alleine. Mit Abraham Hartmann (l.) und Stefan Stachniß hat er kompetente Partner.
Dieter Petras ist im Walgau-Archiv in Ludesch nicht alleine. Mit Abraham Hartmann (l.) und Stefan Stachniß hat er kompetente Partner.

Das Walgau-Archiv soll die historische Schatzkammer des Walgaus werden. „Das gesammelte Archivgut der Walgau-Region wird hierher gebracht. Wir müssen es auswerten und entsprechend archivieren. Eine spannende Aufgabe wartet da auf uns“, drückt Abraham Hartmann seine Vorfreude aus.

Geschichte und Geschichten

Die vier Ausstellungen, die nach der offiziellen Eröffnung am Freitag beim Tag der offenen Tür am Samstag auch den interessierten Bürgern aus Ludesch und Umgebung nahe gebracht werden, sind ganz besondere Filetstücke aus dem Fundus historischer Epochenstudien der Region. Sie nennen sich „Auswanderung aus dem Großwalsertal“, „Lange Heimkehr“, „Nenzing 1945 – 1955“ und „Blumenegg im ersten Weltkrieg“. Es sind Treffpunkte von Geschichte mit Geschichten, faktische Aufarbeitungen im Verbund mit menschlich berührenden Schicksalen.

Insgesamt vier Ausstellungen werden den Besuchern des Walgau-Archivs präsentiert. Ein tiefer Blick in die Geschiche der Region.
Insgesamt vier Ausstellungen werden den Besuchern des Walgau-Archivs präsentiert. Ein tiefer Blick in die Geschiche der Region.

Hartes Brot in Innsbruck

Menschlich bewegende Geschichten verbinden sich auch mit dem Hauptakteur der kulturellen Aktivitäten im Walgau, Dieter Petras. Der berufliche Werdegang des gebürtigen Lustenauers war alles andere als vorgezeichnet. „Ich habe eine Lehre bei der Post gemacht, dann später als Fotograf, arbeitete lange Zeit als Postbote. Ein knappes Jahr verbrachte ich mit einer Indien-Reise, über die ich dann in Schulen Dia-Vorträge hielt. Das Interesse an Menschen und Geschichte war bei mir immer vorhanden.“ Zwischen 1993 und 1995 besuchte er das Abendgymnasium, machte Matura. Später zog er nach Innsbruck. Dort studierte er Geschichte, arbeitete gleichzeitig als Fotograf. Ein hartes Brot, das ihn aus existenziellen Gründen zur zwischenzeitlichen Studienpause zwang. 2008 dann endlich der Magister-Abschluss. Dieter Petras zog zurück nach Vorarlberg.

Im Rollregal des Archivs bringen Handwerker noch letzte Handgriffe an.
Im Rollregal des Archivs bringen Handwerker noch letzte Handgriffe an.

Schlins statt Lustenau

Statt nach Lustenau verschlug es ihn nach Schlins. Dort suchte der damalige Bürgermeister und jetzige Landtagspräsident Harald Sonderegger einen Archivar. Petras vertiefte sich in viel mehr als „nur“ die Schlinser Historie, arbeitete mit unermüdlichem Einsatz an einer Dissertation zum Ausstellungsthema „Auswanderung aus dem Großwalsertal“. Drei weitere Bücher zur Schlinser Geschichte folgten. Sein neuestes Werk hob er am Donnerstag aus der Druckerpresse. Titel: „Der Phantast in der Vorhölle. Das Leben des Eduard Fritz“. Eine faszinierende Biographie eines Ludescher Auswanderers nach Afrika, der dort als erfolgreicher Unternehmer durch den ersten Weltkrieg alles verlor und anschließend noch viel erlebte.

Die Hüter der historischen Schatzkammer im Walgau freuen sich auf Archivgut aus den Walgauer Gemeinden.
Die Hüter der historischen Schatzkammer im Walgau freuen sich auf Archivgut aus den Walgauer Gemeinden.

Dieter Petras liebt Geschichte. Gefühlsmäßig will er jedoch für immer ein Postler bleiben. „Weil ich niemals mehr mit Menschen und deren Geschichten in Berührung kam als während meiner Zeit als Postbote.“