Wie sich Vorarlberger in Brüssel selbst organisieren

Menschen / 12.11.2023 • 16:45 Uhr
Mitglieder des Vereins der Vorarlberger in Brüssel. Foto: zemat.eu

Ein Lustenauer gründete mit dem Verein der Vorarlberger in Brüssel die inoffizielle EU-Vertretung Vorarlbergs.

Brüssel Was die Politik nicht schafft, nimmt der Bürger selbst in die Hand. Ein Beispiel: der Lustenauer Sebastian Vogel. Acht österreichische Bundesländer unterhalten in Brüssel ein Bundeslandbüro. Nur Vorarlberg verzichtet darauf. “Wir haben beschlossen, selber so etwas zu machen”, erzählt Vogel – und gründete mit anderen Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern den Verein der Vorarlberger in Brüssel.

Verein der Vorarlberger in Brüssel . <span class="copyright">zemat.eu</span>
Verein der Vorarlberger in Brüssel . zemat.eu

Der 28-jährige Sebastian Vogel ist ein eher untypischer Brüsseler Mitarbeiter. Traditionell müssen Bewerberinnen und Bewerber für einen Posten in Brüsseler Institutionen ein aufwendiges Bewerbungsverfahren durchlaufen. “Das ist ein brutaler Konkurrenzkampf mit vielen Bewerbern, die sehr gut ausgebildet sind, fünf oder mehr Sprachen sprechen und von mega Universitäten kommen. Ich habe in Göteborg studiert, kann Englisch und Deutsch, ein bisschen Französisch und ein ganz klein wenig Spanisch.” Trotzdem hat Vogel vor einem Jahr einen der begehrten Posten ergattert. Er arbeitet für das Europäische Komitee für Normung. Wie er das gemacht hat? “Ich habe mit den richtigen Leuten geredet, viel Glück gehabt und Netzwerke geschaffen.” Und diese Netzwerke möchte er mit dem Verein der Vorarlberger institutionalisieren.

Gründung des Vereins der Vorarlberger in Brüssel.

Der Weg nach Brüssel führte über Dornbirn und Wien. Nach seiner Matura am Gymnasium Dornbirn-Schoren studierte er Politik in der Bundeshauptstadt. Ihn zog es rasch ins Ausland. Er absolvierte Praktika in der Botschaft auf den Philippinen und bei der Wirtschaftskammer in Australien. Seine Master schloss er in Göteborg ab. Nach einer kurzen Rückkehr in die Heimat, um im Covid-Team in Vorarlberg mitzuarbeiten, zog Sebastian Vogel nach Brüssel.

Abend mit Finanzminister Magnus Brunner. <span class="copyright">zemat.eu</span>
Abend mit Finanzminister Magnus Brunner. zemat.eu

Und was macht er jetzt dort beruflich? Sebastian Vogel lacht nach dieser Frage. “Das ist sehr komplex”, sagt er und erklärt es anhand mehrerer Beispiele – etwa dem Handyladekabel. Die EU-Kommission wünscht sich einheitliche Ladekabel. Sie schreibt aber zunächst nicht vor, welches Kabel es am Ende wird. Da kommen Sebastian Vogel und seine Kolleginnen und Kollegen ins Spiel. Sie vermitteln zwischen Politik und Wirtschaft, sprechen sich mit den Unternehmen, Experten und der Kommission ab. Das Ziel: Herauszufinden, was für die Industrie möglich ist und was die Kommission durchsetzen kann. Formell sind diese Komitees private Organisationen, die aber zum Teil aus Mitgliedern öffentlicher Institutionen bestehen.

Gründungsabend des Vereins mit Landeshauptmann Markus Wallner.

Vogel macht das bei Batterien, Elektroautos, Stromnetzen und so weiter. Also in vielen Bereichen der Technik. Als Absolvent des Studiums internationale Politik war ein technischer Beruf nie sein Ziel. Es ist auch jetzt kein technischer Beruf. “In jedem Komitee sitzen Experten, Konsumentenvertreter, Umweltvertreter, Vertreter der Industrie, manchmal auch Vertreter aus Israel oder Japan. Mein Job ist nicht die technische Arbeit, sondern eine Ebene höher. Ich koordiniere die Kommunikation.”

Gründungsabend des Vereins mit Landeshauptmann Markus Wallner. <span class="copyright">Elio Germani</span>
Gründungsabend des Vereins mit Landeshauptmann Markus Wallner. Elio Germani

Nebenbei ist er jetzt Obmann eines Vereins. Die Gründungsmitglieder haben eine Lücke geschlossen, erzählt Vogel: “Ich habe immer mehr Vorarlbergerinnen und Vorarlberger in Brüssel kennengelernt. Wir haben über diese Idee gesprochen und uns irgendwann dazu entschieden, formell einen Verein zu gründen.” 16 Gründungsmitglieder gibt es. “Wir haben das Gefühl gehabt, dass zu wenig für Vorarlberger in Brüssel getan wird. Entscheidungen fallen oft über den Kontakt vor Ort und über Netzwerke. Vorarlberg ist nicht vor Ort, das haben wir als Manko gesehen.”

Der Verein habe sogar einen Vorteil gegenüber den anderen Bundesländerbüros, fährt der Lustenauer fort. “Unser Verein ist nicht Top-down organisiert, sondern als grassroot-Bewegung. Bei uns ist vieles informeller.” Da sitzt dann unter anderem mit dem Generaldirektor für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in der EU-Kommission, Wolfgang Burtscher, einer der mächtigsten Brüsseler Beamten am Tisch mit einem einfachen Vorarlberger Praktikanten und trinkt ein Bierchen. “Das gibt es bei den anderen Bundesländern nicht”, erzählt Sebastian Vogel.

Sebastian Vogel.
Sebastian Vogel.

Der Verein organisierte bereits Jassturniere, ein Sommerfest, Pizzaessen mit Finanzminister Magnus Brunner, Abendessen mit Landeshauptmann Markus Wallner und wurde zum Käseabend mit der Europaabgeordneten und Neos-Vorarlberg-Chefin Claudia Gamon eingeladen. “Das ist auch für die Älteren cool, die schon lange in Brüssel sind”, fährt der 28-Jährige fort. “Sie können wieder einmal Dialekt reden und ihren Familien die Vorarlberger Kultur näherbringen.”

Das Land habe es verabsäumt, eine Präsenz in Brüssel aufzubauen, sagt Sebastian Vogel. “Wir hoffen, sie machen es irgendwann. Aber solange sie es nicht tun, sind wir da.”

Gründungsabend des Vereins. <span class="copyright">Elio Germani</span>
Gründungsabend des Vereins. Elio Germani
Das Logo des Vereins.
Das Logo des Vereins.

Sebastian Vogel

Geboren: 21. August 1995

Wohnort: Brüssel

Beruf: im Komitee für Normung in Brüssel

Aufgewachsen: in Lustenau

Familienstand: ledig

Hobbys: Joggen, Fotografieren. “Mein Hobby ist der Verein”

Verein der Vorarlberger in Brüssel: www.zemat.eu