Nach Ehe-Aus die Heimat verlassen

Menschen / 24.03.2023 • 17:57 Uhr
Die kleine Miriam mit ihrer Lieblingsblume, einem Löwenzahn.
Die kleine Miriam mit ihrer Lieblingsblume, einem Löwenzahn.

Miriam Pekar flüchtete wegen Liebeskummer aus der Slowakei. In Vorarlberg hat sie eine neue Heimat gefunden.

LAUTERACH Miriam Pekar (62) hat Zeit. Denn die Slowakin ist seit zwei Jahren in Pension. Einen Teil ihrer Zeit schenkt die Künstlerin und Maltherapeutin ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Sie malt mit ihnen jede Woche zwei Stunden im Begegnungscafé in Bregenz, „weil sie es brauchen und sie auf diese Weise ihre Erlebnisse verarbeiten können“. Die Vertriebenen können malen, was sie wollen. „Es kommt spontan aus ihnen heraus. Wenn sie fertig sind, frage ich sie, was sie gemalt haben.“ Aber schon die Bilder sprechen Bände. „Manche haben schreckliche Erfahrungen gemacht.“ Die Arbeit mit den Flüchtlingen macht auch mit Miriam etwas. „Meine Großmutter erzählte mir oft vom Krieg. Das kommt nun alles hoch.“ Es sind keine schönen Erinnerungen. „Oma beschmierte ihre Kleidung mit Tierkot, damit sie von den Russen nicht vergewaltigt wird.“

Jeder einzelne Flüchtling berührt Miriam. Wie diese weiß sie, was es heißt, fern der Heimat zu leben. Aber im Gegensatz zu den Kriegsflüchtlingen verließ Miriam ihr Heimatland freiwillig – nach einer menschlichen Enttäuschung. „Nach der Trennung von meinem Mann 1989 packte ich meine Siebensachen und ging nach Österreich. Wenn man in einer Krise steckt, will man weit, weit weg.“

Die ersten fünf Lebensjahre verbrachte die Tochter einer Belgierin und eines Tschechen in Belgien. „Dann bin ich mit Mama zu Papa nach Bratislava übersiedelt.“ Miriam war als Kind ein Wildfang. „Ich bin auf jeden Baum geklettert.“ Aber noch lieber bemalte sie Wände und Böden mit Mamas Lippenstiften. „Zeichnen war das Erste, was ich konnte.“ Im Kindergarten wurden ihre Bilder ausgestellt, so beeindruckt war man dort vom Zeichentalent des Mädchens. Als zu Hause einmal ein akademischer Maler auf Besuch kam und die Bilder des Mädchens zu Gesicht bekam, sagte er zu Miriams Eltern: „Ihr solltet euer Kind fördern.“ Aber der Vater vertrat eisern die Meinung: „Zuerst lernst du einen Brotberuf.“

Miriam hörte auf ihren Vater und absolvierte zunächst die Hotelfachschule. „Ich wollte aber nicht in diesem Beruf arbeiten. Ich habe dann die Kunstschule besucht.“ Mit 20 heiratete sie, mit 21 bekam sie Tochter Lucia. Mit 30 verließ sie die Slowakei in Richtung Österreich. „Ich fand in einem Hotel in Seefeld eine Anstellung als Kellnerin.“ Die Slowakin arbeitete hart. 16-Stunden-Tage waren die Regel. Nach neun Monaten wechselte Miriam die Arbeitsstelle. Zuvor holte sie aber noch ihre Tochter zu sich, die bis dahin bei ihrem Vater gelebt hatte. Weil Miriam in Tirol ganz auf sich allein gestellt war, war sie froh, dass ihre Chefin ihre Tochter Lucia unter die Fittiche nahm.

Bis 1998 war Seefeld ihr Lebensmittelpunkt. „Dann ging ich mit meiner Tochter nach Innsbruck.“ Dort war sie unter anderem im Hilton beschäftigt. Im Jahr 2000 lernte Miriam ihren jetzigen Mann kennen, einen Arzt. 2002 folgte sie ihm nach Vorarlberg. Sie fand eine neue Arbeit. „Elf Jahre lang habe ich für eine Firma Telefonmarketing gemacht.“ 2016 verlor sie die Arbeit. Aus heutiger Sicht betrachtet war das ein Segen. Denn: „Dadurch fand ich zur Kunst zurück. Plötzlich hatte ich wieder den Drang zu malen. Das war für mich wie eine Befreiung. Es ist so eine Freude, sich Ausdruck verleihen zu können.“ Ihre Bilder, die sie ausstellte, fanden Anklang. „Ich bekam Aufträge und machte mich selbstständig.“ Die Malerin stattet mit Freude Häuser und Wohnungen aus. Außerdem gibt die Künstlerin gerne Malunterricht. Miriam ist inzwischen auch mit ihrer Kunst in Vorarlberg angekommen. „Lange wollte ich zurück in die Slowakei. Heute möchte ich das nicht mehr.“ Heimat ist für sie dort, „wo man mich braucht, wo ich Menschen habe, die mir Geborgenheit vermitteln und wo ich frei bin.“ Miriam fühlt sich als Weltbürgerin und in Vorarlberg sehr wohl. „Ich bin so dankbar. Denn ich hatte viel Glück im Leben.“ Ihr Herz ist übervoll vor Glück, auch weil sie eine schwere Krankheit überwunden hat. „Ich möchte mein Glück verschenken“, sagt sie und beugt sich über einen jungen Ukrainer, dessen Gesicht mit genähten Schnittverletzungen übersät ist. Kolja, dem nach einer Bombenexplosion Glassplitter ins Gesicht flogen, hat ein Bild gemalt, das tief blicken lässt. Die zackigen Sonnenstrahlen und Baum­äste erinnern an Waffen. VN-kum

„Ich hatte wieder den Drang zu malen. Es ist so eine Freude, sich Ausdruck verleihen zu können.“

Miriam Pekar beherrscht und unterrichtet 19 verschiedene Maltechniken.
Miriam Pekar beherrscht und unterrichtet 19 verschiedene Maltechniken.
Die Künstlerin und Maltherapeutin gibt gerne Malunterricht.
Die Künstlerin und Maltherapeutin gibt gerne Malunterricht.
Die Bilder, die die Künstlerin ausstellte, fanden großen Anklang. 
Die Bilder, die die Künstlerin ausstellte, fanden großen Anklang. 

Zur Person

MIRIAM PEKAR

geboren 4. August 1960 in Bratislava

Wohnort Lauterach

Familienstand verheiratet, eine Tochter

Hobbys neun Katzen, Garten, Yoga, Meditation, Geschichte