Vorarlberg ist weiblich: Nicht der Rede wert!?

Als Mental Load wird im deutschen Sprachraum vorrangig die Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht, bezeichnet.
Mit den alltäglichen Aufgaben, mit denen sich viele Frauen konfrontiert sehen, verhält es sich wie mit einem Eisberg – nur die Spitze ist sichtbar: die Handlungsaufgabe. Im Hintergrund finden jedoch zahlreiche Denk- und Organisationsarbeiten statt. Werden diese zur Belastung, handelt es sich um Mental Load. Vielen Frauen ist der Begriff zwar fremd, die geistige Last jedoch nicht. Und den Männern? Die können weder den Begriff noch seine Folgen einordnen, weil ihnen der Einblick in die Familien- und Alltagsarbeit oftmals einfach fehlt.
Ein Beispiel.
Ein Papa zeigt sich verwundert, dass seine Frau gestresst wirkt, weil der Sohn eine Geburtstagseinladung erhalten hat. Dem Vater fehlt der Blick unter die Wasseroberfläche, er ortet lediglich eine einzige Aufgabe, die erledigt werden muss: ein Geschenk kaufen.
Das ist aber zu kurz gedacht, denn welches Geschenk gefällt dem Geburtstagskind? Ist noch Geschenkpapier zuhause? Wie kommt der eigene Nachwuchs zur Feier, gibt es eine Fahrgemeinschaft? Wie viel Zeit bleibt zwischen Schulschluss und Partystart? Welches Essen kann gekocht werden, damit Zeit für die Hausaufgaben bleibt? Sind alle Zutaten verfügbar oder steht noch ein Einkauf an? Bei wem muss der Sohn vom Fußballtraining abgemeldet werden, wenn er stattdessen die Geburtstagsparty besucht? All diese Denkvorgänge bewältigen meist Frauen. Sie leisten oftmals auch emotionale Arbeit und fragen sich: Ist der Opa einsam? Hat meine Freundin Liebeskummer? Und vor allem: Was kann ich für sie tun? All das gilt gemeinhin, als nicht der Rede wert, auch wenn diese Verhaltensweisen für eine funktionierende Gesellschaft unabdingbar sind.
Mental Overload.
„Es ist erschreckend, wenn man sich klar macht, was Frauen alltäglich bewältigen“, so Sandra Oksakowski, Leitende Psychotherapeutin im LKH Rankweil. Frauen können zwar sehr viel schaffen, aber die Gefahr eines Mental Overload, der sich in Krankheiten und Störungen wie einer Erschöpfungsdepression zeigen kann, bestehe dennoch. Die Expertin weiß, wer geistig überlastet ist, hat ein Problem damit, Prioritäten zu setzen. „Menschen, die Prioritäten nicht mehr ordnen können, verlieren sich im Dauerstress.“ Als Grundproblem nennt die klinische Psychologin Perfektionismus.
Was kann frau aber tun, um das Überlastungsszenario zu verhindern? „In sich gehen. Sich fragen: Was ist wirklich wichtig? Was ist mir wichtig?“ Ein überzogenes Verantwortungsbewusstsein sei hinderlich. „Warum denke ich für einen Mann? Ich muss nicht seine Jacke einpacken – wenn er kalt hat, hat er kalt. Das merkt er selbst.“ Ebenso wichtig ist es, Nein zu sagen. „Das Nein nach außen, ist das Ja zu einem selbst. Dann lass ich eine Verabredung eben ausfallen, wenn mich diese stresst“, so Oksakowski. Wer den Mental Load für den Partner oder die Partnerin sichtbar machen möchte, kann eine Liste erstellen, um auf Aufgaben und die damit verbundene Denkarbeit hinzuweisen. „Wer schreibt, der bleibt“, erklärt die Psychotherapeutin. Soll heißen, Geschriebenes gerät nicht so schnell in Vergessenheit und kann nur schwer ignoriert werden.
Konfliktmanagement.
Um Konflikte in Beziehungen zu beenden oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, rät sie zu offenen Worten, denn Sprachlosigkeit gebe es in Beziehungen schon genug. „Es sollten allerdings keine Probleme aufgezählt werden“, so Oksakowski, vielmehr sei es notwendig, dem Gegenüber mitzuteilen, wie man sich fühle. „Ich bekomme Herzrasen, wenn ich mich abends auch noch um das Essen kümmern soll. Ich bin erledigt.“ Wichtig sei es, den eigenen Gefühlen eine Stimme zu geben, damit Außenstehende die innere Lage sowie die Gedankenwelt verstehen können. „Wir haben keine Leuchtschrift auf der Stirn“, gibt die Psychologin zu bedenken und warnt gleichzeitig eindringlich vor Schuldzuweisungen.
Entlastung.
Von Mental Load belasteten Menschen hilft es oft schon, einfach gesehen zu werden, sich verstanden zu fühlen. Auch um Hilfe zu bitten und anfallende Aufgaben neu und ausgewogen zu verteilen, macht Sinn. So kann sich beispielsweise einer der Partner bzw. eine der Partnerinnen zukünftig um die Wäsche und alles was in diesem Zusammenhang anfällt, kümmern: vom Sortieren der Dreckwäsche über die Zeitplanung des Wasch- und Trockenvorgangs bis hin zum rechtzeitigen Einkauf des Waschmittels. „Wer wirklich entlastet werden will, muss allerdings auch loslassen“, so die Expertin. Zum einen die Aufgabe selbst und zum anderen den Perfektionismus, der laut Oksakowski ohnehin nicht erstrebenswert sei. Nicht immer ist das so simpel, wie es klingt. Wer sich mit seiner Situation überfordert fühlt oder Hilfe beim Durchbrechen von Verhaltensmustern benötigt, sollte sich darum nicht scheuen, die Dienste einer therapeutischen Fachkraft in Anspruch zu nehmen. Denn Mental Load – die unsichtbare Denkarbeit – ist auf jeden Fall der Rede wert.