Tatjana, die Outlaws und die “Kids”

Menschen / 16.06.2021 • 18:20 Uhr
Tatjana Tschabrun, die Leiterin der Jugend-Notschlafstelle, mit ihrem Stellvertreter Jochen Jenic.

Tatjana Tschabrun, die Leiterin der Jugend-Notschlafstelle, mit ihrem Stellvertreter Jochen Jenic.

Tatjana Tschabrun (39) leitet die neu eröffnete Notschlafstelle für Jugendliche in Dornbirn.

Bürs Tatjana Tschabrun (39) wuchs behütet in Bürs auf – mit Uroma, Großeltern, Eltern und Schwester. Das große familiäre Umfeld konfrontierte sie früh mit den verschiedensten Lebensentwürfen und der Vielfalt des Menschseins. „Das lehrte mich Toleranz gegenüber Menschen.“ Dem Mädchen entging auch nicht, dass die Großfamilie in Krisen fest zusammenstand. „Ich sah, dass Lebenseinschnitte und Erschütterungen leichter zu überwinden sind, wenn man Menschen um sich herum hat.“ Deshalb schätzte sie es, dass sie in ein gutes soziales Umfeld eingebettet war.

Aus dieser Dankbarkeit heraus ließ sie sich zur Sozialarbeiterin ausbilden und begann sich für Menschen zu engagieren, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. „Randgruppen und extreme Lebensentwürfe interessierten mich schon immer.“ Sie betrat die Arbeitswelt nicht mit naiven Vorstellungen. „Man kann nicht allen helfen.“

Aber sie ging mit der Überzeugung in den Beruf hinein, dass es der gesellschaftliche Auftrag der Privilegierten beziehungsweise der ökonomisch Bessergestellten ist, sich um die zu kümmern, die den Anschluss verlieren. Den Outlaws eine Stimme geben und für sie da sein. Das war es, was die Berufseinsteigerin wollte. „Soziale Arbeit hat den Auftrag, dass man für Randgruppen ein Sprachrohr ist. Menschen am Rande der Gesellschaft haben keine Lobby und keine Vertretung.“ 

Zwei Bereiche schloss Tschabrun für sich aus: Sucht- und Drogenarbeit und Arbeit mit Jugendlichen. „Diese Herausforderungen waren mir zu groß. Ich befürchtete, dass Jugendliche mich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich fordern.“ Seltsamerweise trieb das Leben sie in genau diese Richtung. Ihren ersten Job trat sie in einem Kommunikationszentrum für Drogenkonsumenten in Innsbruck an. Das In-Kontakt-Kommen über die Kaffeehaus-Atmosphäre gefiel ihr. „Über das Alltägliche fand ich Zugang zu den Menschen.“ Aber sie wusste nie, was sie am nächsten Arbeitstag erwartet. „Es gab keinen Alltagstrott. Oft war Action angesagt. Manchmal wurde ich sogar körperlich bedroht.“

Der zweite Job führte sie auf die Straße. In den Bezirken Mödling und Tulln war die Vorarlbergerin mehrere Jahre als Jugend-Streetworkerin tätig. Sie ging dorthin, wo die Teenager waren: beim Bahnhof, in Abbruchhäusern, beim Skaterpark. „Ich war als Streetworkerin auf ihrer Seite, ihr Sprachrohr und habe für sie öffentliche Räume verteidigt.“

Der nächste Job führte sie in einen sozialen Brennpunkt. Sie übernahm die Leitung der Jugendnotschlafstelle beim Wiener Westbahnhof. „Dort fand mein sozialarbeiterisches Herz seine Heimat.“

Es war für sie sehr sinnstiftend, überforderte Jugendliche, die in einer prekären Wohnsituation sind, an die Hand zu nehmen und ihnen – wenn gewünscht – Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie von der Straße wegkommen. „Ich mag sie einfach, die Kids, auch wenn sie noch so verwahrlost daherkommen. Sie sind so liebenswert und in so schwierigen Lebenslagen, die sie nicht selbst verschuldet haben.“ VN-kum

„Ich mag sie einfach, die Kids, auch wenn sie noch so verwahrlost daherkommen.“

Tatjanas Sohn Vito genießt sichtlich den Ausflug zum Lünersee mit seiner Mama.

Tatjanas Sohn Vito genießt sichtlich den Ausflug zum Lünersee mit seiner Mama.

In ihrer Freizeit hält sich die Sozialarbeiterin gerne in der Natur auf. Hier spaziert sie mit ihrem Sohn Nino im Rellstal über eine Leiter.
In ihrer Freizeit hält sich die Sozialarbeiterin gerne in der Natur auf. Hier spaziert sie mit ihrem Sohn Nino im Rellstal über eine Leiter.

Zur Person

Tatjana Tschabruns
neuer Arbeitsplatz ist in der Sankt-Martin-Str. 3 in Dornbirn. Dort wurde jetzt die Notschlafstelle für Jugendliche eröffnet.

Geboren 16. Juli 1981 in Bludenz

Wohnort Bürs

Familie Lebensgefährte Manuel,
Söhne Nino (5) und Vito (2)

Hobbys Wald, Wandern, Skifahren