Anwalt gegen das Vergessen

Historiker Werner Dreier erhielt von Minister Faßmann eine hohe Auszeichnung.
BREGENZ Sie waren damals, vor über 40 Jahren, junge Historiker: blitzgescheit, ambitioniert, für manche Zeitgenossen unangenehm, und vor allem hartnäckig. Sie stellten die Zeitgeschichte in den Mittelpunkt ihrer Forschungen, brachten Schmerzliches und Erhellendes über Vorarlberg in ihren zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen zu Papier, verhalfen einer jungen Generation zu einem neuen Geschichtsbewusstsein. Meinrad Pichler, Harald Walser, Kurt Greussing, Werner Bundschuh, Werner Dreier, Peter Niedermair und andere haben durch ihre wertvollen Aktivitäten selbst Geschichte geschrieben.
Werner Dreier wurde kürzlich für sein Lebenswerk, das von ihm gegründete „Holocoust Education Institute“ mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich durch Bildungsminister Heinz Faßmann ausgezeichnet.
Der Auslöser
Jahrzehntelang hat sich Dreier im Rahmen dieser Einrichtung mit Verfolgten beschäftigt. Speziell dem Antisemitismus mit all seinen schrecklichen Folgen widmete sich der Lehrer und Forscher intensiv. „Es gab einen konkreten Auslöser für die Hinwendung zu diesem Thema“, erzählt der 65-Jährige über die Anfänge. „Ich stieß im Rahmen meiner Geschichte-Hausarbeit über die Arbeiterbewegung in Vorarlberg zwischen 1918 und 1938 immer wieder auf verfolgte Menschen. Da erwachte das Interesse an deren Schicksalen so richtig“. Bald knüpfte der zweifache Familienvater Verbindungen nach Israel, brachte jüdische und andere verfolgte Menschen zum Erzählen ihrer Geschichten nach Vorarlberg, positionierte die historischen Scheinwerfer auf manch dunkle Flecken in diesem Land.
„Das alles kam bei einigen nicht gut an. Ich geriet in Situationen, wo ich auf offener Straße schwach angeredet wurde“, berichtet Dreier über verstörende Erfahrungen während dieser Zeit.
Yad Vashem und die Anerkennung
Seinen Tatendrang bremsten diese Erlebnisse freilich nicht. 2000 gründete Dreier mit Peter Niedermair das „Holocoust Education Institute“, die Bande mit Israel wurden noch enger. Mehrere Vorarlberger Lehrer konnten in den Folgejahren nach Israel reisen und dort Seminare belegen. Berührt war Dreier durch die Anerkennung der Verantwortlichen von Yad Vashem, der berühmten jüdischen Gedenkstätte für die sechs Millionen getöteten Juden in Nazi-Deutschland.
Andere Aktivitäten begleiteten seine Hauptmission. Der HAK-Lehrer wurde zum Leiter des österreichisch-israelischen Schulbuchdialogs, er engagierte sich in der Vermittlungsstelle der Gedenkstätte Mauthausen, war Gründungsmitglied der Johann August Malin-Gesellschaft, wurde Schulbuchgutachter im Auftrag des Ministeriums.
Werner Dreiers Fazit heute: „Ich sehe mich als erfolgreich Gescheitertern. Ich hätte gedacht, dass die Gesellschaft mit all dem Wissen und den Bildungsmöglichkeiten weiter ist. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, wie schnell Gruppeneffekte wirken, wie schnell sich Konstellationen von Zusammengehörigen und anderen in negativer Form entwickeln. Ein guter Umgang mit Fremdem, die Ausübung von Toleranz – all das ist nicht einfach irgendwann da. Es muss permanent gelernt und geübt werden.“
Der Ausgleich
Den Kopf frei bekommt der aktive Jungpensionist (auf dem Papier) bei allerlei sportlichen Betätigungen. Er klettert gerne, macht Skitouren oder geht Mountainbiken. „Ich brauche schöne Orte als Kontrast zu meinen Tätigkeiten, die sich ja hauptsächlich um Völkermord, Krieg und Tod drehen.“
„Ich sehe mich als erfolgreich Gescheiterten. Toleranz muss permanent gelernt und geübt werden.


Zur Person
Geboren 18. Februar 1956
Beruf Historiker
Wohnort Bregenz
Familie verheiratet, zwei Kinder
Hobbys Sport, Jazz
Lieblingsspeise Beuschel