„Wir alle sind gefordert“

Menschen / 03.11.2020 • 22:17 Uhr

Iris Berben über den brisanten Film „Das Unwort“ und warum Humor gerade bei ernsten Themen wichtig ist.

berlin Sie gehört zu Deutschlands populärsten Schauspielerinnen und glänzt regelmäßig in anspruchsvollen Charakterrollen: Iris Berben, die kürzlich ihren 70. Geburtstag feierte. Nun ist sie im Fernsehfilm „Das Unwort“ (9. November, 20.15 Uhr, ZDF) zu sehen, der am Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 gezeigt wird und das Thema Antisemitismus als Mix aus Drama und Komödie aufgreift: Ein jüdischer Gymnasiast wird wegen seines Glaubens gemobbt – als er seine Peiniger im Streit verletzt, droht ihm der Schulverweis. Das Krisengespräch, das von Berben in der Rolle einer Behördenvertreterin geleitet wird, läuft aus dem Ruder.

 

Frau Berben, Ihr neuer Film „Das Unwort“ dreht sich um einen jüdischen Schüler, der am Gymnasium wegen seiner Religion gemobbt wird. Sie selber engagieren sich seit Jahren für Israel und gegen Antisemitismus. War der Film eine Herzens­angelegenheit für Sie?

berben Natürlich, der Umgang mit unserer Geschichte begleitet mich seit Jahrzehnten und ist ein Teil meines Alltags. Als ich das Drehbuch las, bemerkte ich, dass der Autor und Regisseur Leo Khasin ein ernstes, auch trauriges Thema mit großer Leichtigkeit und Humor erzählt. Das ist eher untypisch für Deutschland, weil Humor oder Überspitzung bei einer solchen Thematik im Ruf stehen, nicht seriös zu sein – sehr zu Unrecht.

 

Sie hatten keinerlei Bedenken, das wichtige und ernste Thema Antisemitismus auf diese Art aufzugreifen?

berben Im Gegenteil, ich finde es ist ein sehr kluger Weg, weil man über den Humor viele Menschen mitziehen kann. Und natürlich bleibt einem das Lachen ja auch öfter mal im Hals stecken. Wir müssen meiner Meinung nach generell neue Wege finden, mit diesem Thema umzugehen, das für viele Menschen so lästig, unangenehm oder erschöpft ist. Manche glauben auch, dass sie damit nichts zu tun hätten. Aber wir müssen uns unbedingt mit unserer Geschichte auseinandersetzen, sie kennen, um mit Gegenwart und Zukunft bewusster umgehen zu können.

 

Ihr eigenes Engagement begann, als Sie 1967 als 18-Jährige erstmals nach Israel gereist sind. Was war damals der Anlass?

Berben Ich komme aus der Generation, in der das Dritte Reich kein Thema im Geschichtsunterricht war, hauptsächlich Ende der 60er. Das wurde von uns ferngehalten, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, angesichts der modernen Informationsmöglichkeiten. Als dann der Sechstagekrieg ausbrach, habe ich erfahren, was Israel generell bedeutet und in welchem Zusammenhang das mit meiner DNA als gebürtige Deutsche steht. Da entstand mein Wunsch, mehr zu erfahren, und es hat mich nicht mehr losgelassen.

 

Sind Sie noch oft in Israel, sofern es Corona zulässt?

Berben Ich bin leider ziemlich unregelmäßig in Israel. Aber da ich Governor an der Hebräischen Universität Jerusalem bin und dort seit vielen Jahren einen Iris-Berben-Fonds für Hirnforschung betreibe, versuche ich so oft ich kann, Zeit dort zu verbringen.

 

Macht Ihnen das Wachsen von Antisemitismus große Sorgen?

Berben Natürlich macht es das! Diese Entwicklung ist ja gar nicht wegzuleugnen, und ist nicht mehr nur auf die Außenränder beschränkt, sondern weit in die Mitte gewandert. Wir sind zwar eine große und starke Gesellschaft, aber leider sind die, die Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie leben, oft besonders laut. Wir müssen gegen das Erstarken des Antisemitismus antreten. Politik, Schulen, wir als Gesellschaft, alle sind gefordert.

 

Der Film „Das Unwort“ basiert auf realen Fällen…

Berben Es hat sich ja leider seit einigen Jahren etabliert, dass man das Wort Jude auf Schulhöfen als Schimpfwort hört. Wir haben das in unserem Film aufgegriffen. Es geht dabei aber auch um die Identität von jungen Jüdinnen und Juden, die häufig als Opfer gesehen werden, als Opfer der Geschichte oder als Opfer der heutigen Zeit. Und natürlich spiegeln die Kämpfe der Jugendlichen oft die Ressentiments ihrer Eltern wider.

 

Was kann ein solcher Film bewirken?

Berben Filme werden nicht die Welt verändern, aber sie können Denkanstöße geben, ein Thema vorbereiten.

 

Das Mobbing geht in dem Film von einem arabischen Schüler aus und kommt nicht aus der rechten Ecke…

Berben In dem Film gibt es niemanden, der nicht sein Fett abkriegt. Die Klassenlehrerin zum Beispiel, die politisch so korrekt ist, dass sie alles falsch macht. Die Eltern des jüdischen Schülers, die des muslimischen Schülers. Es gibt niemanden, der frei von Vorurteilen ist in diesem Film. Er stellt uns alle vor die Frage: Wo grenzen wir selber aus, wo gibt es bei jedem von uns Grauzonen?

 

Demnächst sind Sie in „Altes Land“ zu sehen, auch da geht es um die langen Schatten der Vergangenheit. Kannten Sie den Roman?

Berben Ja, ich kannte das Buch. Es stand ja lange Zeit in den Bestsellerlisten. Ich springe nicht unbedingt auf diese Listen, aber ich war neugierig geworden: ein Buch, das man als Heimatroman bezeichnen kann. Das über das Schweigen nach dem Krieg erzählt, über Fremdsein und Fremdbleiben, über zwei unterschiedliche Frauen, die sich doch so nahe sind. Ich war begeistert, wie Dörte Hansen mich mitnimmt in die heutige und in die vergangene Welt. Sie hat so einen scharfen Blick auf Figuren und Situationen, umgeht jedes Klischee. Ihr Humor ist mitreißend. Ein Glücksfall, als man mir die Rolle der Vera angeboten hat.

 

Vera ist als Kind mit ihrer Mutter vor der Roten Armee aus Ostpreußen ins Alte Land bei Hamburg geflohen, die Geschichte wird als Rückblende erzählt.

Berben Es ist ein Drei-Generationen-Film über unterschiedliche Frauen. Es geht um Ausgrenzung, Fremdsein, fremd bleiben. Wann gehört man dazu, oder warum nicht? Vera begreift als Kind, dass sie nach der Flucht nur geduldet ist, aber nie dazugehören wird, doch sie behauptet mit Vehemenz ihren Platz. Das wird von Sherry Hormann mit großem Einfühlungsvermögen vermittelt.

 

Der Film macht sich auch über moderne Großstädter lustig, die das Landleben romantisch verklären. Sind Sie eher Stadt- oder Landmensch?

Berben Ja, es gibt viele Städter, die an irgendeinem Punkt ihres Lebens glauben, dass es sich auf dem Land besser leben ließe. Aber in so eine Dorfgemeinschaft muss man erst einmal hineinwachsen. Ich habe viele Großstädte kennengelernt, lebe gerne in der Großstadt, aber ich habe auch seit den 60er-Jahren auf dem Land mein kleines Refugium mit Hühnern und Schafen, und das liebe und brauche ich genauso sehr. ski