VN-Augenschein bei Notre-Dame: Selfie-Stangen, Sensationslust, Sat-Mobile
Chefredakteur Gerold Riedmann berichtet aus Paris.
Paris Obwohl die Züge durch die nächstliegenden Stationen Cité (liegt direkt auf der gesperrten Insel) und St. Michel (wäre überfüllt) heute durchrauschen, ist neben der Kathedrale der Teufel los. Vor allem auf der linken Seite der Seine muss keiner hier nach dem Weg fragen. Die Richtung ist klar. Herdentrieb.

Am Quai drängen sich die Touristen eng an eng. Auf den nahegelegenen Seine-Brücken haben die Fernsehteams ihre Außenstellen aufgebaut, die Kathedrale dezent im Bildhintergrund der Reporter. Natürlich ist Notre-Dame interessant, nur wenige Stunden nach dem Brand-Aus. Einen Blick auf die Pariser Feuerwehrleute zu erhaschen, die mittels Steiger die berühmten Rosettenfenster inspizieren. Doch weil so viele hier nur am Seine-Ufer entlangwandern, um ihr perfektes Selfie-Motiv zu finden, entsteht eine seltsame Mischung aus Selfie-Stangen, Sensationslust und Sat-Mobilen. Einige der Buchhändler an der Seine haben ihre Boxen zwar geöffnet, aber für alte Bücher interessiert sich trotz Rekordbesuch heute niemand.
Man wünscht sich insgeheim Bilder von andächtigen Menschen, die ob der Katastrophe näher zusammenrücken. Stattdessen sieht man Trauben von Schaulustigen, die nichts anderes als sich in diesen Moment stanzen wollen: Katastrophen-Selfie, ein schwer zu verstehendes Genre.
Die Pariser Polizei versucht den Wahnsinn in Schranken zu lenken, die Beamten beantworten höflichst die immergleichen Fragen. Blaulicht, Sirenen. Eine Touristin, gerade angekommen, schaut über die Seine hinüber und sagt in Richtung Kathedrale: „Sieht relativ intakt aus.” Ich ertappe mich dabei, mir zu wünschen, da keine leichte Brise von Enttäuschung herausgehört zu haben.

