Lustenauer Hightech-Stickerei hebt ab wie Rakete

Markt / 04.07.2024 • 14:13 Uhr
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Die Ariane 6 ist das große Prestige-Projekt von Europas Weltraumagentur ESA: Am Dienstag (9. Juli) soll der Start der Schwerlastrakete vom europäischen Weltraumbahnhof aus erfolgen. AFP

Smarte Textilien aus dem Land sind beim Start der Europa-Rakete Ariane 6 für den Erfolg der All-Mission notwendig.

Lustenau, Kourou Werner Metzler packt gerade seinen Koffer. Die Reise, die er am 6. Juli antritt, wird ein Höhepunkt und zugleich „das letzte große Projekt“ in seiner Karriere. Der gebürtige Bregenzerwälder wird am 9. Juli in Französisch-Guyana Gast bei einem Ereignis sein, das weltweit schon jetzt für Aufsehen sorgt, denn er hat einen wichtigen Teil dazu beigetragen, wie er im Gespräch mit den VN bestätigt.

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Die Oberstufe der Rakete, die nach ca. 400 Sekunden (1 Sufe) diese in den endgültigen Orbit  bringt. Alles über dem Triebwerk in der Farbe Silber ist das von RAC entwickelte Gewebe. ESA

Als Textilspezialist hat Metzler ein Projekt bis zur industriellen Entwicklung vorangetrieben und zur Serienreife gebracht, das jetzt dafür sorgt, dass beim Start der neuen Schwerlastrakete Ariane 6 im europäischen Weltraumbahnhof Kourou die entstehenden elektrostatischen Aufladungen abgeleitet werden und keine Gefahr für die Weltraummission darstellen. Den Auftrag für die Hochtemperatur-Thermalisolation für Raketenantriebe bekam die RAC (Riedmann Advanced Composit GmbH, Lustenau), die inzwischen in ein anderes Unternehmen anderen Namens übergegangen ist, zusammen mit dem Partnerunternehmen Beyond Grafity Austria  -früher RUAG Space – von der European Space Agency (ESA). Auch der Schweizer Technologiekonzern firmiert unter neuem Name: „Jenseits der Schwerkraft“ klingt deutlich blumiger als der bisherige ausgeschriebene Name „RüstungsUnternehmenAktienGesellschaft“, der auf die Geschichte als ehemaliger Produktionsbetrieb der Schweizer Armee zurückgeht.

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Werner Metzler: Die Verwendung des von uns entwickelten Produktes in der Ariane 6 ist ein Höhepunkt und zugleich „das letzte große Projekt“ in seiner Karriere. VN/PI

Begonnen hat es damit, dass die Vorarlberger Tech-Textil-Spezialisten einen Prototyp des Gewebes entwickelten, der den Anforderungen der ESA für ihr Prestigeprojekt entsprach. Das Grundgewebe besteht aus Glas, auf dem Metallfäden in quadratischen Linien eingearbeitet werden mussten. „Der Prototyp ist im Labor entstanden. Das ist eine Aufgabe, die machbar ist“, handle es sich dabei doch um einen relativ kleinen Gewebefleck in der Größe von einem A4-Blatt, erklärt Metzler. „Ein ganz anderes Ding sei es aber, eine solche Laborentwicklung auf die industrielle Ebene zu bringen“.

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So sah es aus, als die ESA im November 2023 einen Startversuch der Ariane 6 durchführte. AFP

“Nicht aufgeben”

Denn mit dem A4-großen Gewebe ist den Raketenbauern nicht gedient, sie benötigten rund 60 Quadratmeter für die Oberstufe der Ariane 6, die die Rakete innert 400 Sekunden und mit der Kraft von vier Millionen PS und den damit erzeugten 130 Tonnen Schub in den endgültigen Orbit bringt, wie Metzler berichtet. „Das machte mir drei Jahre lang Kopfweh“, berichtet er über diese Zeit, als er maßgeblich an dieser entscheidenden Weiterentwicklung der „smart textiles“ aus Lustenau zum Industrieprodukt beteiligt war. Eine Lebensweisheit, die ihm sein Vater bei Wanderausflügen in der Kindheit weitergegeben hat, brachte ihn schließlich ans Ziel: „Wenn ich müde war, hat er immer gesagt, so schnell gibt man nicht auf“, lacht er und ist schon gespannt auf den Start der Rakete in Kourou, der freilich nur bei entsprechender Witterung am 9. Juli um 15 Uhr Ortszeit erfolgt.

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Ariane 6

Die Europa Rakete

Ariane 6 – gepriesen als leistungsstarke, vielseitige und skalierbare Trägerrakete – ist das Nachfolgemodell von Ariane 5, die von 1996 bis Sommer 2023 im Einsatz war. Die neue Rakete soll Europas Raumfahrt wettbewerbsfähiger machen und einen autonomen Zugang zum Weltraum gewährleisten. Die Flugdauer der Rakete wird mit zwei Stunden und 51 Minuten angegeben. Je nachdem, wie viel Energie für den Transport der Satelliten ins All benötigt wird, gibt es Ariane 6 in einer Version mit zwei Boostern (Ariane 62) für eine Nutzlast von bis zu fünf Tonnen oder mit vier Boostern (Ariane 64) für eine Nutzlast bis zu 11,5 Tonnen. Die Booster sind maßgeblich für den Startschub verantwortlich, mit einer solchen Vorrichtung kann ein Schub von über 4500 Kilonewton erreicht werden – die 30-fache Schubkraft eines Düsenjägers. Die Höhe der Rakete beträgt bis zu rund 60 Meter, ihr Gewicht mit der maximalen Nutzlast etwa 900 Tonnen. Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff dienen dem Hauptstufentriebwerk der Rakete als Treibstoff.

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