Ab jetzt findet der KV-Konflikt auch in den Betrieben statt

Betriebsversammlungen statt. Im Bild: Versammlung bei Collini 2018 mit dem Vorsitzenden der PRO-GE-Gewerkschaft, Wolfgang Fritz (ganz rechts). VN/Paulitsch
Am Montag beginnen Betriebsversammlungen in der Metallindustrie.
Wien, Höchst Harte Auseinandersetzungen gab es in der langen Geschichte der österreichischen Sozialpartnerschaft immer wieder – Betriebsversammlungen, Warnstreiks und bisweilen auch Streiks folgten bei besonders eingefahrenen Gesprächen zwischen Arbeitnehmer-Vertretern und Arbeitgebern, welche als weiteres Druckmittel mit Aussperrungen reagieren könnten. Neu im Repertoire sind anonyme Drohungen gegenüber den Arbeitgebern. Sie sorgten am Freitag für Empörung bei den Unternehmern und eine klare Abgrenzung und Ablehnung der Gewerkschaften gegenüber solchen Methoden. Für GPA-Österreich-Geschäftsführer Karl Dürtscher sind solche Mittel nicht nur „indiskutabel, sondern auch kontraproduktiv für die Verhandlungen“.

Die Vorarlberger Johannes Collini (l.) seitens der Arbeitgeber und Karl Dürtscher (Gewerkschaft GPA) verhandeln an vorderster Front um den neuen Kolletivvertrag. APA
Kühles Klima
Die Drohung war nicht ausschlaggebend für den Abbruch der Gespräche nach drei Stunden, doch verbessert wurde das Klima durch die anonyme Post auch nicht. In der Sache bewegte sich jedenfalls nichts. Die Gewerkschaften GPA und PRO-GE blieben bei ihrer Forderung nach einer durchschnittlichen Erhöhung von Löhnen und Gehältern um 11,6 Prozent. Und die Arbeitgeber bei ihrem Angebot von 2,5 Prozent plus Einmalzahlung, was – so Arbeitgebersprecher Christian Knill – ein Lohnplus von durchschnittlich sieben bis neun Prozent netto bedeuten würde. Während die Unternehmen auf die schwierige Wirtschaftslage aufmerksam machen, will Verhandlungsführer Karl Dürtscher von der GPA davon nichts wissen und verweist auf die gut gefüllten Konten, die er bei den Betrieben vermutet.
Nullnummer am Freitag
Nach der Nullnummer am Freitag beginnt nun der zweite Akt im KV-Konflikt. Ab heute und bis 1. November werden in ziemlich jedem Betrieb der Metalltechnischen Industrie in Österreich Betriebsversammlungen stattfinden, „um sich die Zustimmung für weitere Kampfmaßnahmen zu holen“, so Dürtscher im Gespräch mit den VN. Dass die Verhandlungsführer der Arbeitnehmer für Warnstreiks, die dann nach der nächsten Verhandlungsrunde am 2. November beginnen sollen, die Zustimmung bekommen, ist für den gebürtigen Schrunser „eine klare Sache“.
Los gehen die Betriebsversammlungen heute, Montagnachmittag, beim Beschlägehersteller Grass am Hauptsitz in Höchst – dort ist der Landesvorsitzende der Produktionsgewerkschaft PRO-GE, Wolfgang Fritz, auch Betriebsratsvorsitzender, der mit dem Management des Unternehmens, das zum deutschen Würth-Konzern gehört, bereits seit Wochen harte Auseinandersetzungen wegen Kündigungen vor dem Arbeitsgericht ausficht. Betriebsversammlungen finden in rund 15 Betrieben statt, am Dienstag folgen die Arbeitnehmerinformationen und -abstimmungen beim Beschlägehersteller und Grass-Nachbarn Blum, bei Collini, dessen Gesellschafter und langjähriger Geschäftsführer Johannes Collini seit Jahren die KV-Verhandlungen für die Arbeitgeber führt, bei Elko-König, Liebherr, um nur einige zu nennen.
Das sagt die Gewerkschaft zu KV-Verhandlungen
Feldkirch (ÖGB) Nach der dritten erfolglos verlaufenen Lohnverhandlungsrunde berufen Metaller-Betriebsräte Betriebsversammlungen ein. „Jetzt bereiten wir Warnstreiks vor“, kündigt PRO-GE Landesvorsitzender Wolfgang Fritz an. Auch in der dritten Verhandlungsrunde über einen neuen Kollektivvertrag für die 200.000 Beschäftigten in der Metallindustrie – 15.000 davon in Vorarlberg – waren die Arbeitgeber(innen)verhandler nicht bereit, ein faires Angebot für eine Lohn- und Gehaltserhöhung auf den Tisch zu legen. „Die Arbeitgeber(innen)seite lässt weiterhin jeglichen Respekt gegenüber der Leistung der Mitarbeiter(innen) und deren Situation in einer der heftigsten Teuerungskrisen seit Jahrzehnten vermissen“, kritisiert PRO-GE Landesvorsitzender Wolfgang Fritz scharf.

Gewerkschafter Wolfgang Fritz (PRO-GE): Firmen haben gut verdient. FA
Neben 11,6 Prozent mehr Lohn und Gehalt fordern die Gewerkschaften das Recht, Teile der vereinbarten Lohnerhöhung in zusätzliche Freizeit umzuwandeln. Auch die Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche steht auf der Agenda. Weitere Forderungen betreffen die rund 8000 Lehrlinge in der Metallindustrie. Nach Abschluss ihrer Ausbildung sollen sie im Lohn- und Gehaltsschema gleichgestellt werden wie Absolventinnen und Absolventen höherer berufsbildender Schulen.
Das sagen die Arbeitgeber zu den KV-Verhandlungen
Die Arbeitgeberseite hat ihr Angebot erneut bestätigt und betont, dass durch das vorgeschlagene Angebot die Beschäftigten der Branche durchschnittlich 7 % bis 9 % (niedrigere Löhne) netto mehr erhalten würden. Das bringt eine deutliche Kaufkraftstärkung. Gleichzeitig weist der Fachverband darauf hin, dass die Inflation aktuell auf 6 % gesunken ist und weiter sinken wird. Die Branche befindet sich in einer Rezession mit Auftragseinbrüchen bis zu 30 % bei einzelnen Betrieben. Die Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten Branche leidet derzeit massiv.

Christian Knill, Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie: „Die Realität ist: Wir können uns einen zu hohen Abschluss nicht leisten. Mich erreichen täglich Anrufe von Betrieben, die uns auffordern, vorsichtig zu agieren. In etlichen Unternehmen werden bereits Berechnungen angestellt, wie viele Arbeitsplätze aufgrund der Gewerkschaftsforderungen gefährdet sind. Wir haben ein gemeinsames Interesse: gesunde Betriebe, sichere Arbeitsplätze und gute Bezahlung. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienen sehr gut, das Durchschnittsgehalt liegt bei jährlich über 70.000 Euro, der Durchschnittslohn bei über 50.000 Euro. Und wir werden natürlich etwas drauflegen. Aber der Abschluss muss das aktuelle Umfeld berücksichtigen.”
Das vom Fachverband vorgelegte KV-Angebot ist eine integrierte Lösung, bestehend aus zwei Komponenten: einer Lohn- und Gehaltserhöhung von 2,5 % und einer steuer- und abgabenfreien Einmalzahlung von 75,- Euro/Monat (1.050 Euro pro Jahr). Das Angebot bedeutet einen Netto-Kaufkraftzuwachs von durchschnittlich 7 % für die Beschäftigten der Branche. Die unterste Beschäftigungsgruppe würde bis zu 9 % mehr Nettolohn erhalten, das bedeutet mindestens 2100 Euro mehr netto pro Jahr. Zusätzlich wurde die Möglichkeit angeboten, Lohnerhöhungen auch in Form von Freizeit zu konsumieren.