Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Vergessene Bildung

Markt / 29.10.2021 • 18:32 Uhr

Die vergangenen Wochen haben das narzisstisch-egomanische „System Kurz“ zum Einsturz gebracht, nun ist es an der Zeit, sich den großen Herausforderungen zu stellen, vor denen wir stehen: Klimawandel, Energiewende, die Alterung unserer Gesellschaft und die damit verbundenen Fragen der Pflegesicherung, des Gesundheitssystems und der Pensionen, und last but not least die längst fällige Reform unseres Bildungssystems – von der frühkindlichen bis zur Hochschulbildung.

Die Pandemie hat die eklatanten Mängel unseres Bildungssystems zwar nicht verursacht, wohl aber deutlich sichtbar gemacht und verstärkt, insbesondere hat sich die soziale Schere noch weiter vergrößert. So hat die wegen der Lockdowns notwendige Umstellung auf Home Schooling den schon seit langem kritisierten Rückstand unserer Schulen in Sachen Digitalisierung drastisch vor Augen geführt. Der von der Politik beschlossene 8-Punkte-Plan zur Digitalisierung der Schulen ist zwar ein erster Ansatz, um bei der Bildung mit digitalen Medien aufzuholen, ob er ausreicht, muss bezweifelt werden.

Das zweite große Thema ist die „soziale Bildungsvererbung“: die mangelhafte Chancengerechtigkeit unseres Bildungssystems. Es ist eine Tatsache, dass unser Bildungssystem nicht allen Kindern jene Rahmenbedingungen bietet, damit diese ihre Talente und Potenziale entfalten können. Doch anstatt die „Bildungsvererbung“ zu bekämpfen, wurden 2018 mit dem „Pädagogikpaket“ und der (Wieder)Einführung der Ziffernnoten, des Sitzenbleibens und der Deutschförderklassen gerade solche Maßnahmen beschlossen, die von Experten als kontraproduktiv hinsichtlich Chancengerechtigkeit beurteilt werden.

So bleibt zu hoffen, dass die von der rot-schwarzen Koalition 2017 bereits ausgehandelte, von Kurz und seiner Gefolgschaft aber verhinderte schulische Ganztagsbetreuung mit Rechtsanspruch nun bald beschlossen wird. Dies wäre ein wichtiger Schritt, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass rund 70% der Mütter, davon viele Alleinerziehende, berufstätig sind. Um sie also nicht in die Teilzeit-Falle mit in der Folge niedrigeren Pensionen geraten zu lassen, braucht es Ganztagsschulen bzw. „verschränkten Ganztagsunterricht“ bei gleichzeitiger Entrümpelung der Lehrpläne.

Und schließlich muss auch die frühkindliche Bildung jenen Stellenwert bekommen. Kindergärten sind nicht bloße Aufbewahrungsstätten, sondern haben einen wichtigen Bildungsauftrag, der jenen Kindern verbesserte Startchancen geben soll, die aus ökonomisch schwächeren Familien oder solchen mit nicht-deutscher Muttersprache kommen.

„Die Pandemie hat die Mängel unseres Bildungssystems zwar nicht verursacht, aber deutlich sichtbar gemacht.“

Hannes Androsch

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Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.