Was die Kardiologie mit dem Standort Vorarlberg zu tun hat

Unternehmer und KI-Experte Rajat Khare zu Smart Textile und dem Standort Vorarlberg.
Herr Khare, Sie haben im vergangenen Jahr mit dem Vorarlberger Unternehmer Günter Grabher, Eigentümer der Grabher Group und Initiator der Smart Textiles Plattform Austria, die Joint Venture 24sens GmbH gegründet. Seither hat man nicht mehr viel über das Unternehmen und die weiteren Pläne gehört. Wie geht es nun weiter?
Khare Mit der ISO-Zertifizierung hat 24sens die Grundlage geschaffen, um als Entwickler, Hersteller und Vertreiber von aktiven Medizinprodukten für die Kardiologie tätig zu sein.Die Produktzertifizierung im Sinne der neuen Medizinprodukteverordnung (MDR) ist für Anfang 2022 geplant. Medizinprodukte werden schließlich am Menschen eingesetzt. Daher ist es selbstverständlich, dass sie hohe Erwartungen in Bezug auf Zuverlässigkeit und Sicherheit erfüllen müssen. Nach Abschluss des Zulassungsverfahrens wird der Smart Textile Herzgurt in Serienproduktion gehen. Als ISO 13485-zertifiziertes Unternehmen haben wir nun alle Voraussetzungen für einen internationalen Markteintritt.
Welche Erwartungen setzen Sie in diese Zusammenarbeit mit Günter Grabher, welche Chance gibt es dafür international?
Khare Das neue Produkt – eine einzigartige Sensorik mit einer auf künstlicher Intelligenz basierenden Software – soll gezielt in der Medizintechnik Anwendung finden, insbesondere bei der Prävention von Schlaganfall- und Herzinfarkt-gefährdeten Patienten. Dies hat einen mehrfachen unmittelbaren Nutzen für die direkt Betroffenen: Eine durchgehende Aufzeichnung von Herztätigkeit ermöglicht dem Arzt eine Diagnose unabhängig vom Zeitpunkt des Auftretens der Beschwerden. Das ist mit einer herkömmlichen EKG-Untersuchung oder der Durchführung von Kurzzeitmessungen über mobile Geräte nicht möglich. Der Bedarf an einem mobilen Gerät, das mit seiner textilen Sensorik auch für Patienten angenehm zu tragen ist, ist aus ärztlicher Sicht sehr hoch. Außerdem stellt die Entwicklung eines textilen Sensorsystems in Form eines Schultergurts, der in der Lage ist, Herzanomalien exakt und über einen längeren Zeitraum aufzuzeichnen, eine völlig neue Form der Mensch-Maschine-Interaktion dar.
Sie befassen sich vor allem mit der oft zu spät erkannten Herzerkrankung des Vorhofflimmerns, laut Studien eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen. Kann Ihr Produkt diesem Risiko entgegenwirken?
Khare Die internationale Studienlage stellt auf jeden Fall einen Aufruf zum Handeln innerhalb der weltweiten kardiovaskulären Gemeinschaft dar. Der Fokus richtet sich dabei auf die Entwicklung von patientenorientierten Produkten zur Früherkennung dieser heimtückischen Herzerkrankung. Eine exakte Aufzeichnung von Herzdaten, wie sie unser Produkt, insbesondere unsere Software ermöglicht, ist folglich ein wichtiger Bestandteil beim Management individueller Risikofaktoren des Patienten, also unmittelbar bei der Behandlung von Vorhofflimmern.
Sie sind nicht nur Mitgründer der 24sens GmbH, sondern auch Eigentümer der Boundary Holding. Können Sie uns etwas über Ihre unternehmerischen Aktivitäten erzählen?
Khare Die Boundary Holding unterstützt Technologien, die die vierte industrielle Revolution ermöglichen. Was heißt das? Menschen, Maschinen und Produkte sind direkt miteinander vernetzt. Die vierte industrielle Revolution oder auch Industrie 4.0 bezeichnet die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie mit Hilfe unterschiedlichster Technologien. Wir interessieren uns für Unternehmen mit einem umfangreichen Netzwerk und einer profitablen Geschäftsentwicklung. Dieses Potenzial sehe ich bei 24sens. Die Verbindung aus dem Smart Textile Knowhow von Günter Grabher und meiner Expertise im Bereich der Künstlichen Intelligenz ergänzen sich perfekt.
Sie sind weltweit vernetzt, kennen die Entwicklungen in der Digitalisierung, bei der künstlichen Intelligenz und smarten Technologie. Wie fanden Sie zu Grabher, wie beurteilen Sie die innovative Leistung des Vorarlberger Unternehmens?
Khare Günter Grabher und seine Smart Textiles Aktivitäten sind mir schon lange bekannt. Wir bewegen uns ja beide in derselben internationalen Community, in der sich KI- und Technologie-Experten austauschen. Ein außergewöhnlicher Erfinder und kompromissloser Vordenker wie Günter Grabher, der auch weltweit bestens vernetzt ist, fällt da natürlich auf. So war es naheliegend, dass man die Expertisen und Interessen bündelt.
Sie kooperieren aktuell mit dem Zentrum für Medizinische Physik der Meduni Wien. Was heißt das für Ihr Produkt?
Khare Wir konnten gerade im Rahmen des FFG-Innovationscheck unser Produkt umfangreich überprüfen lassen. Damit haben wir als medizintechnisches Unternehmen die universitäre Expertise der Medizinischen Universität Wien, sprich des Zentrums für Medizinische Physik erhalten. Dieses Wissenschaftszentrum ist der anerkannte Partner, wenn es um fortschrittliche Technologieentwicklung in der medizinischen Diagnose und Therapie geht. Diese Kooperation ist für uns ausgesprochen wertvoll. Dadurch haben wir die Chance, dass unser Produkt auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau geprüft wird. Es wurde ein Teststand entwickelt, der die textile Sensorik und Elektronik unter verschiedensten Bedingungen und Einflüssen untersucht. Zudem sind umfangreiche Usability-Tests vorgesehen, die die Gebrauchstauglichkeit der Hard- und Software mit potenziellen Benutzern überprüft.
Die Grabher Group mit Vtrion als auch die Smart Textil-Plattform Austria forschen mit Fokus auf Textil in viele Richtungen – wie groß schätzen Sie den Markt in diesem Segment ein?
Khare Dass der Bedarf nach mobilen Lösungen in diesem Zusammenhang in Zukunft massive zunehmen wird, war absehbar. Wer die internationale Entwicklung in diesem Bereich beobachtet, weiß, dass eine auf KI-basierende Software zur Aufzeichnung von Herzaktivitäten in Kombination mit Smart Textile die Lösung sein kann – „Herzvorsorge zum Anziehen“ sozusagen. Der Herzgurt von 24sens ist eine Alternative zu einem 24-Stunden-EKG und bietet hochwertige Datenqualität plus hohen Tragekomfort. Die textile Sensorik zeichnet nicht nur die Länge der Abstände zwischen den Herzschlägen auf, sondern auch die Daten zwischen diesen Abständen – bislang weltweit einzigartig. Anwendungsgebiet ist definitiv die Prädiagnostik von Herzrhythmusstörungen wie eben das Vorhofflimmern.

Forschung in Vorarlberg und Österreich, die Produktion ebenfalls? Ist der Produktionsstandort Vorarlberg international konkurrenzfähig?
Khare Wir sind überzeugt vom Produktionsstandort Vorarlberg. Bis 2025 sollen rund 4,5 Mill. Euro in das Unternehmen inklusive Forschung und Innovation investiert werden. Es war mein ausdrücklicher Wunsch, in Österreich zu produzieren. Ich schätze Österreich und besonders Vorarlberg schon lange nicht nur, weil es ein starker und interessanter wirtschaftlicher Standort ist. Hier verfügt man über das nötige wissenschaftliche und technologische Knowhow, die Weltoffenheit und die Umwelt ist intakt. Das Land bietet ein hohes Maß an Sicherheit und auch der gesellschaftliche Zusammenhalt ist gegeben. Auf dieses große Potenzial, insbesondere auch auf den Wirtschaftsstandort Vorarlberg möchten wir bauen und uns weiterentwickeln. Günter Grabher als Gründer der Smart Textiles Plattform Austria ist hier seit Jahrzehnten bestens vernetzt. Wir werden daher auch intensiv in den Ausbau neuer Arbeitsplätze investieren. Unser Ziel ist es, nun rasch in Serienproduktion zu gehen und den Vertrieb in der DACH-Region starten.