Warum wir viel mehr Strom brauchen werden

Markt / 10.07.2021 • 09:00 Uhr
Warum wir  viel mehr Strom brauchen werden
Verbund-Chef Michael Strugl: Die Umsetzung der Energiewende werde aber kein Kindergeburtstag, sondern sehr sportlich und eine Riesenchallenge.  FA

Verbund-Chef Michael Strugl im Gespräch mit den Chefredakteuren der Bundesländer-Tageszeitungen.

Pürgg Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) kommen die erhofften Fördermilliarden für den Ökostromausbau in greifbare Nähe. Für Michael Strugl, Verbund-Chef und Präsident der Branchenvertretung Österreichs Energie, handelte es sich grundsätzlich um ein gutes Gesetz, weil damit „ein Ausbaupfad für jede Technologie“ festgelegt worden sei. Eine entsprechende Förderkulisse mit gleitender Marktprämie sei besser als geförderte Einspeisetarife. Ausständig sei aber noch die Notifizierung durch die EU und in Österreich selbst dann vor allem die konkreten Verordnungen.

Kritik übt Strugl an der Regelung für die Energiegemeinschaften. Dass der Kunde auch zum Produzenten werde, sei zwar richtig. Dass die Gemeinschaften für eingespeiste Überschüsse auch noch zusätzlich gefördert werden, sei „nicht in Ordnung und verzerrt den Markt.“

Sehr zögerlich sei Österreich bei der Wasserstoffförderung. Während Deutschland hier Gas gebe und acht Mrd. Euro ausgebe, lasse der Bund hier gerade einmal 40 Mill. Euro springen, zusätzlich zu den 125 Mill. aus dem Recovery Fund. „Da droht Österreich den Anschluss zu verlieren“, warnt Strugl, der auch eine Rechtsgrundlage für Preisgleitklauseln vermisst: So drohten bei jeder Preisanpassung Prozesse mit dem Verein für Konsumenteninformation (VKI).

Grundsätzlich fahre der Zug aber unaufhaltsam in Richtung Energiewende. Österreich habe mit der Wasserkraft „einen Riesenschatz“, dazu kommen Wind und Sonne. Die Umsetzung der Energiewende werde aber „kein Kindergeburtstag, sondern sehr sportlich und eine Riesenchallenge“, so der Verbund-Chef.

Österreich brauche etwa für die E-Mobilität und vor allem auch die Dekarbonisierung von Industriebranchen wie Stahl oder Chemie „viel mehr Strom“. Die Ziele seien zu schaffen, „wenn man uns lässt“. Da seien heiße Diskussionen über Kraftwerke, Solar- und Windanlagen sowie Netze zu erwarten. Es brauche klare politische Entscheidungen, sonst würden die verkündeten Regierungsziele scheitern. Windanlagen und Solarparks unterirdisch zu bauen, gehe nun einmal nicht.

„Es kann sein, dass am Freitag die Jugendlichen bei Fridays for Future für den Klimaschutz demonstrieren und dann tags darauf die Eltern gegen eine Anlage oder Stromleitung“, sagt Strugl. Es könnte auch viel Widerstand kommen, wenn durch die Energiewende etwa Treibstoffe oder Strom teurer werden. Strugl kann sich vorstellen, dass Neubauten nur noch mit Solaranlagen erlaubt werden. Bei Einrechnung aller Kosten seien Solar- und Windstrom schon heute am rentabelsten. Der Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken sei notwendig und zahle sich auch aus.

Deutschland nehme 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz und bis 2038 die Kohlekraftwerke. Das seien 50 Gigawatt, das Doppelte der österreichischen installierten Leistung. Für Strugl werden Gaskraftwerke als Übergangs-Quelle und auch als Reserve noch länger unverzichtbar bleiben, auch Atomkraft werde in etlichen Ländern am Netz bleiben.

Für Strugl steigt mit dem Umbau der Strombranche in Richtung Wind und Sonne die Herausforderung für die Versorgungssicherheit – und damit auch für Blackouts. Im Grunde sei die Branche gut vorbereitet, der Aufwand werde aber immer größer. Das wird er auch für den Schutz vor Cyber-Attacken. „Jeder Energieversorger muss wiederholt mit solchen Events fertig werden und rüstet hier auf.“

Vorarlberger IV-Chef ist jetzt oberster Verbund-Aufseher

Wien, Dornbirn Am 8. Juni hat der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Verbund AG, Thomas Schmid, hat der Gesellschaft mitgeteilt, dass er infolge seines Ausscheidens aus dem Vorstand der ÖBAG seine Funktion als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Verbund AG zurücklegt. Notwendig wurde das aufgrund des großen politischen Drucks, den die SMS- und Online-Nachrichten Schmids an Bundeskanzler Sebastian Kurz und Finanzminister Gernot Blümel verursachen. Die Aufgaben von Schmid hat nun der Vorarlberger Unternehmer und IV-Präsident Martin Ohneberg, zuvor stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats, interimistisch bis zur Wahl eines neuen Vorsitzenden übernommen. Über die Nachbesetzung entscheidet die Hauptversammlung.