Wie Hilti mit Corona umgeht und wie sich die Pandemie auf die Strategie auswirkt

Werkzeugkonzern setzt langfristige Planung fort, Stärkung für Standort Thüringen.
Schwarzach, Schaan Die Hilti AG mit Hauptsitz in Schaan ist eines der größten Unternehmen in der Euregio Bodensee und beschäftigt über 30.000 Mitarbeiter weltweit. Im Werk Thüringen sind rund 600 Mitarbeiter beschäftigt. Jahangir (Jan) Doongaji, Vorstand des Weltkonzerns, sprach mit den VN über Corona, die Zukunft und den Standort Vorarlberg.
Wie ging Hilti bisher mit der Coronakrise um, welche strategischen Maßnahmen wurden gesetzt?
Jahangir Doongaji Wir haben unsere Maßnahmen in zwei Stufen gesetzt. Das erste waren Reisebeschränkungen, Schutzkonzepte für unsere Mitarbeitenden und deren Familien weltweit. Zugleich mussten wir die Kapazitäten der digitalen Kanäle erhöhen, damit wir den Bedarf für Videokonferenzen und Homeoffice abdecken konnten. Außerdem haben wir ein Solidaritätsprojekt initiiert, um die am härtesten von der Krise betroffenen Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen. Auf der zweiten Stufe befassten wir uns mit den wirtschaftlichen Auswirkungen. Durch unser Direktvertriebsmodell mit hohen Fixkosten wirken sich die Umsatzausfälle überproportional auf die Profitabilität aus. Ab April setzten wir temporäre Maßnahmen um. Dazu zählten unter anderem Kurzarbeit in den Werken, weltweiter Einstellungsstopp, Absage sämtlicher Großveranstaltungen und Geschäftsreisen sowie die Verschiebung von Bauprojekten an den Standorten Schaan und Kaufering in Deutschland. Zudem hat uns der Familientrust als Alleinaktionär einen Bereitschaftskredit zur Verfügung gestellt, um die Liquidität des Unternehmens zusätzlich abzusichern.
Beeinflusst die Coronakrise die langfristige Ausrichtung des Unternehmens?
Doongaji Unsere langfristige Strategie wird durch die Coronakrise nicht maßgeblich beeinflusst. Wir sind nach wie vor finanziell sehr robust aufgestellt und sind an allen unseren wichtigen Themen drangeblieben. Wir haben in vielen Bereichen die Forschung und Entwicklung beschleunigt, auch die Digitalisierung treiben wir weiter voran. Unser finanzielle Stärke und die Inhaberstruktur haben es uns auch erlaubt, die Bauprojekte in Schaan und Kaufering inzwischen wieder in Angriff zu nehmen.
Als langjähriger Beobachter kann man feststellen, dass Hilti sein Portfolio konsequent erweitert. Wie geht es weiter, bzw. welches Ziel wird damit angesteuert?
Doongaji Was uns wichtig ist, ist die Marktführerschaft und die Differenzierung zum Wettbewerb. Ein wesentlicher Teil dafür ist unser Portfolio. Ein stark wachsender Bereich ist beispielsweise unsere Akku-Plattform, weil sich die kabellose Baustelle immer mehr durchsetzt. Diesbezüglich wollen unsere Kunden möglichst viele Geräte mit derselben Batterie betreiben können, damit sie ihren Gerätepark schlank halten können, also eine umfassende Auswahl aus einer Hand. Deshalb verbreitern wir laufend unser Akku-Angebot, gerade auch in höheren Leistungsklassen. Kombiniert ein Kunde das Ganze mit unserem Flottenmanagement, bekommt er noch ein komplettes Servicepaket dazu: Für einen monatlichen Fixbetrag kümmern wir uns um die gesamte Administration, von Reparaturen über Geräteaustausch bin zum Diebstahlschutz. Das ist ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell. Aber auch unsere Powertools werden ständig weiterentwickelt, mit neuen und immer mehr digitalen, webbasierten Lösungen. Das bedeutet, dass wir auch unser Software-Portfolio immer weiter vergrößern. Dafür gehen wir zwei Wege: Eigenentwicklungen sowie Partnerschaften mit Firmen, die in ihrem Bereich Spitze sind. Als Premiumanbieter gehen wir auch in der Produktentwicklung keine Kompromisse ein.
Hilti setzt im Vertrieb sowohl auf direkte Betreuung der Kunden als auch auf die gewerblichen Nutzer. Die Kundengruppe der Privatkunden wird zwar auch in kleinerem Rahmen betreut, doch gäbe es da nicht mehr Potenzial für eine Premium Brand wie Hilti?
Doongaji Bei uns sind auch Privatkunden sehr gern gesehen. Wenn sie zu Hilti-Produkten greifen, sind sie von unserer Qualität überzeugt. Doch unsere Produkte sind für Profis gemacht und für sie ist es eine gute Investition , weil sie im beruflichen Dauereinsatz die Leistung in Produktivität und somit Profit umsetzen können. Für Privatanwender geht diese Rechnung zwar nicht auf, doch sie bekommen selbstverständlich genau den gleichen Service wie unsere Kunden aus dem Baugewerbe und können genauso in unseren Shops oder über unsere Webseiten einkaufen.
Neben Liechtenstein ist Vorarlberg ein wichtiger Produktionsstandort. Wie ist das Standing von Thüringen im Konzern? Welche Aufgaben werden in Vorarlberg erfüllt? Welche Pläne haben Sie für den Standort?
Doongaji Unser Werk in Thüringen ist nicht nur aus Vorarlberger Sicht ein sehr wichtiger Standort. Es ist in unserem globalen Produktionsnetzwerk das Kompetenzzentrum für Zerspanung, Gerätemontage und Prüftechnik und spielt auch bezüglich Entwicklung eine bedeutende Rolle. Wir haben derzeit rund 70 Lehrlinge in Ausbildung, das ist uns sehr wichtig, weil wir topausgebildete Nachwuchskräfte benötigen und Ausbildung auch als eine gesellschaftliche Verantwortung betrachten. Ohnehin wollen wir den Standort weiter in Richtung Innovation und Technologiekompetenz ausbauen. Wir sind also auch weiterhin ein Teil des Vorarlberger Ökosystems und wollen ein wichtiger Arbeitgeber bleiben.
Auch im Konzern sind viele Vorarlberger als Grenzgänger beschäftigt. Wie sieht es mit der Qualifikation der Vorarlberger aus, wie mit dem Recruting?
Doongaji Vorarlberg ist auch in dieser Hinsicht eine wichtige Region für uns. Es gibt einen breiten Pool an sehr gut ausgebildeten Fachkräften. Als global tätiges rekrutieren wir natürlich international, doch Mitarbeitende aus der Region tragen zu einem ausgewogenen Mix in unserer Belegschaft bei. Sie sind außerdem ein wichtiger Teil unseres Konzerns, weil sie sehr treu sind, manchmal über Generationen hinweg.
Hilti fertigt und ist beheimatet in einer Region mit hohen Produktionskosten – ist die Standorttreue in Stein gemeißelt oder gibt es Pläne für andere Weltregionen?
Doongaji Wir produzieren Hilti-Standard und der ist in allen unseren Werken weltweit sehr bzw. gleich hoch. Nur auf die Produktionskosten zu fokussieren, wäre viel zu kurz gegriffen. Es geht in unseren Werken auch um das Know-how, das über Jahrzehnte gewachsen ist und sich nicht einfach irgendwohin versetzen lässt. Die Werke in Schaan, Thüringen und Kaufering bilden zudem einen wichtigen Cluster für Technologien, Forschung und Entwicklung, Testbereiche etc. Dieser Cluster braucht die Nähe zur Produktion, damit diese in die Innovationsprozesse eingebunden ist und zum Beispiel neue Fertigungstechniken entwickeln kann.
Wie geht es bei Hilti weiter? Was sind Ihre Erwartungen für heuer bzw. die nächste Zukunft ?
Doongaji Wir sind ein globales Unternehmen, entsprechend ist die Umsatzverteilung internationalisiert. Doch es gibt derzeit je nach Land Riesenunterschiede. Beispielsweise ist Zentraleuropa weniger stark betroffen als andere Regionen. Die Frage nach der mittelfristigen Zukunft ist aufgrund der derzeitigen Lage eine Millionen-Dollar-Frage. Wahrscheinlich werden die Wirtschaftsräume, die vor der Coronakrise schon stark waren, auch schneller aus der Krise herauskommen. Wo zuvor schon Krisenstimmung herrschte, wird es entsprechend schwieriger, da wird sich eine Schere auftun. Aber insgesamt sind wir vorsichtig optimistisch für die weitere Entwicklung, wir hoffen das Beste.
Zur Person
Jahangir (Jan) Doongaji (53) ist seit Anfang 2014 Mitglied der Konzernleitung der Hilti AG, die weltweit über 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er ist im Weltkonzern mit Sitz in Schaan für die Bereiche Elektrogeräte, Konzernforschung und Geräteservices verantwortlich. Er begann 2000 seine Laufbahn bei Hilti und leitete zunächst in der Marktorganisation Schweiz den Kundendienst. 2002 wechselte Doongaji nach Schaan und verantwortete verschiedene Positionen in den Business Units. Zuletzt leitete er die Business Unit Power Tools & Accessories.