Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Nichts gelernt

Markt / 03.10.2020 • 14:00 Uhr

Das vergangene Schuljahr war herausfordernd wie kein anderes in den letzten Jahrzehnten, und das nächste wird ähnlich sein. Man muss dem Bildungsminister zugutehalten, dass es viele Unbekannte hinsichtlich der gesundheitlichen Aspekte des Coronavirus gab. Der Lockdown hat die Schulen jedenfalls unerwartet getroffen, weshalb sie dann auch mehr schlecht als recht durch die Krise gekommen sind. Was aber gleichzeitig zutage trat, waren vor allem zwei große Defizite unseres Schulsystems: So hinken wir international betrachtet bei der Digitalisierung deutlich nach, noch größer aber ist die soziale Benachteiligung bzw. Bildungsungerechtigkeit hierzulande.

„Eine radikale Trendumkehr ist nötig. Es ist fünf vor zwölf.“


Zwei jüngst veröffentlichte Studien – der österreichische Integrationsbericht und die OECD-Studie „Education at a Glance“ – bestätigen nun, was wir seit Jahren wissen: Die OECD betont, dass unser Schulsystem teuer und die Zahl der Unterrichtsstunden gering ist, dass wir eine niedrige Quote an Uni-Abschlüssen aufweisen (18% vs. 32% im OECD-Schnitt) und dass es deutliche Defizite bei der Digitalisierung gibt. Im Integrationsbericht wiederum erfahren wir, dass ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund im Alter von 13 und 14 Jahren die Bildungsstandards in Deutsch nicht, ein weiteres Drittel nur teilweise schafft. Diese alarmierenden Tatsachen sind seit Jahren bekannt, dennoch wurde wenig dagegen getan. Die ExpertInnen empfehlen jetzt – einmal mehr – die ganztägige Schule und gezielte, intensive Deutschförderung, nicht jedoch in Form der aktuellen „Deutschklassen“. Doch sowohl von Integrationsministerin Raab als auch Bildungsminister Faßmann kam sofort ein Nein. Dass die Ganztagsschule international fast überall die Norm ist und es im Englischen daher nicht einmal ein eigenes Wort dafür gibt, sei hier nur nebenbei erwähnt.

Wissenschaftliche Expertise hat bei der Gestaltung unseres Schulsystems keinen hohen Stellenwert. So gab es für die „Deutschförderklassen“ keine einzige positive Stellungnahme seitens der Wissenschaft, dennoch wurden sie eingeführt. Die Frage ist, wie lange wir uns diese Ignoranz noch leisten können – sowohl in ökonomischer als auch in sozialer Hinsicht. Wir produzieren zu viele Bildungsverlierer, und die Pandemie wird das noch verstärken, wenn nicht gegengesteuert wird. Doch die seit 2017 als „Reformen“ titulierten Maßnahmen, die allesamt von der Wissenschaft abgelehnt wurden – zum Beispiel Sitzenbleiben und verpflichtende Ziffernnoten ab der 2. Klasse Volksschule, Vorsortierung fürs Gymnasium bereits ab der 3. Klasse, um nur die eklatantesten Maßnahmen zu nennen – stehen dem entgegen, führen uns sogar zurück in die Fünfzigerjahre.

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.