Industrielle fordern “ein Ende von Bevormundung und Angstparolen”

Unter Unterzeichnern finden sich auch drei prominente Vertreter aus Vorarlberg.
Wien In Österreich bahnt sich aufgrund der beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 ein Wirtschaftseinbruch historischen Ausmaßes an. Und dennoch halten sich Österreichs offizielle Industrievertreter – auch jene in Vorarlberg – im Gegensatz zu Vor-Corona-Zeiten bislang mit öffentlicher Kritik an der Regierung und ihren Maßnahmen und Methoden verhältnismäßig auffallend zurück.
Jetzt allerdings kommt langsam Bewegung in eine kritische Betrachtung in aller Öffentlichkeit, wenn auch von etwas anderer Seite. Denn 20 Eigentümer und Manager österreichischer Industriebetriebe haben sich als “Plattform für eine freie und marktorientierte Gesellschaft” in einem offenen Brief an Bundeskanzler und Bundesregierung gewandt. Unter ihnen befinden sich auch drei prominente Vertreter aus Vorarlberg, nämlich der ehemalige IV-Vorarlberg-Präsident Hubert Bertsch (Bertsch Group), der Metallindustrie-Arbeitgeber-KV-Chefverhandler Johannes Collini (Collini Gruppe) und Christoph Hinteregger (vormals Mitglied der Geschäftsleitung bei Doppelmayr Seilbahnen).
“Wir brauchen keine Bevormundung”
Der offene Brief lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. “Ohne Zweifel sind wir erfolgreich in der Bekämpfung der Pandemie, die Menschen wie auch wir als Unternehmer haben die Einschränkungen kollektiv mitgetragen. Aber die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen sind verheerend und gefährden unsere Zukunft bald mehr, als es das Virus selbst tut.” Daher fordere man Weitsicht, Transparenz, Augenmaß und vor allem Offenheit. “Wir sind Unternehmer und übernehmen jeden Tag Verantwortung. Dass wir das können, beweisen wir seit vielen Generationen. Wir unterstützen mit unseren Industriebetrieben die Bekämpfung des Coronavirus seit Wochen. Aber wir brauchen keine Bevormundung, sondern übernehmen und leben Eigenverantwortung (wenn nötig aber auch mit Konsequenzen für schwarze Schafe).”
Es brauche einen Expertenrat, in dem Ökonomen, Sozialexperten und Psychologen gleichberechtigt eingesetzt werden. “Österreich darf nicht nur von Virologen und Mathematikern gelenkt werden.”
Entscheidungen transparent darlegen
Zudem müssten Entscheidungsgrundlagen und Entscheidungen transparent dargelegt werden. Es gelte, die Pro- und Contra-Stimmen aufzuzeigen und abzuwägen. “Liefern Sie damit mündigen Menschen eine Basis für ihre Entscheidungen, um eigenverantwortlich zu handeln.” Zu Beginn der Krise sei sicher Geschwindigkeit ausschlaggebend gewesen. Das dürfe nun aber nicht mehr als Argument gelten.
“Keine Angstparolen”
“Wir brauchen keine Angstparolen, sondern Zuversicht und Zukunftspläne. Gesellschaft und Wirtschaft brauchen Luft zum Atmen.” Man wünsche sich freie Bewegung, offene Geschäfte, Restaurants, Industrie- und Gewerbebetriebe sowie geöffnete Schulen und Universitäten – “bei gleichzeitig klaren Sicherheitsmaßnahmen”.
Kurzarbeit und Liquiditätshilfen seien schnell wirksame Mittel, aber es brauche vor allem auch mittelfristige Perspektiven, eine positive Stimmung und Konjunkturprogramme, die die Wirtschaft jetzt wieder ankurbeln, nicht erst in zwei Jahren. Zur Vermeidung von “Warteeffekten” sollten diese aber erst mit deren Start kommuniziert werden.
IV Vorarlberg will den Brief nicht kommentieren
Bei der Industriellenvereinigung Vorarlberg heißt es auf Anfrage, dass man den Inhalt des offenen Briefes nicht kommentieren wolle. Es handle sich um eine Privatinitiative der Unterzeichner, so IV-Geschäftsführer Matthias Burtscher.