Psychiater als
Wolfexperte
Niemand würde dem prominenten Gerichtspsychiater und VN-Kommentator Expertise im Bereich der Psychiatrie absprechen – er hat sie mittels Gutachten, Büchern und Publikationen zurecht verdient.
Unverständlich ist es aber, dass die VN demselben eine Plattform als „Wolfexperten“ wiederholt zur Verfügung stellen. Vor über 100 Jahren grausam ausgerottet, sitzt die irrationale Furcht vor dem Wolf tief in Kreisen der Bevölkerung, beflügelt durch Märchen und Gruselgeschichten. Politmandatare suggerieren martialisch „rote Linien“, um Klientelpolitik im Wahljahr zu bedienen. Wolfmanagement ist komplex, wie Erfahrungen aus Frankreich, der Schweiz und Italien zeigen, wo sich Wildbiologen, Zoologen und Veterinäre damit beschäftigen. Die Alpwirtschaft wird sich, wie in Nachbarländern, an den Wolf gewöhnen und mit öffentlichen Mitteln in Schutzmaßnahmen investieren müssen.
Meinungsfreiheit ist in einer Demokratie ein hohes Gut, das gilt auch für die Privatansicht eines Psychiaters. Bedenklich stimmt es, wenn Laienmeinungen unkorrigiert als „Expertenwissen“ verbreitet werden. Der prominente VN-Kommentator sollte sich eher Gedanken machen um die Verrohung der Politik, wenn man europaweiten Kälbertransporten jahrzehntelang untätig zusieht, den Sadismus von Tierquälern, die einer Kuh die Zunge herausreißen, oder das Psychogramm derer, die spaßhalber auf Haustiere schießen. Aber eben Wolfexperte ist er keiner, der Psychiater. Ist da vielleicht ein wenig Hybris dabei ?
Armin Fidler, Bregenz