Ja und nein

Leserbriefe / 16.11.2021 • 17:52 Uhr

Wer sich vielleicht darüber ärgert, dass Politiker auf sogenannte Entscheidungsfragen nicht mit Ja oder Nein, sondern meistens mit Satztiraden antworten, findet in einer Eigenheit der lateinischen Sprache eine gewisse Entsprechung, denn dort gibt es kein direktes Wort für ja oder nein. Man antwortet mit „So ist es (nicht)“ oder „Wirklich (nicht)“ oder wiederholt ein wichtiges Wort der Frage. Was wir aber heute in unserer deutschen Sprache vorfinden, sind oft genug Worthülsen, Phrasen, Übertreibungen, Euphemismen und falsche Bilder. Das heißt nicht, dass es diese Stilformen nicht auch früher gegeben hat, man sollte sie jedoch als solche erkennen. Von eindeutigen Fehlern wollen wir einmal absehen (z.B. „den Anfang haben wir gemacht“, „besser wie“, „den Toten gedenken“ …). Wer auf korrekte Sprachstruktur oder gar Rechtschreibung bedacht ist, mag derzeit als altmodisch gelten, egal. Auffallend sind etwa die vielen Anglizismen, die wohl irgendwie gehoben wirken sollen; fremde Vokabeln, wie sie in Österreich nicht gebräuchlich sind (vor Ort, außen vor, bislang, lecker, Sahne, Tüte); ständig wiederkehrende Fügungen (zeitnah, am Ende des Tages, das Licht am Ende des Tunnels, die Krise als Chance, die Unschuldsvermutung etc.). Auch die Mode spielt „schlicht und ergreifend“ eine Rolle. Der Hinweis auf die „Lebendigkeit der Sprache“ rechtfertigt nicht die vielen Schlampigkeiten und Entgleisungen.

Mag. Dr. Hildegard Pfanner, Bregenz