Ist die Natur grün?

Leserbriefe / 03.09.2021 • 16:57 Uhr

Jetzt im Herbst nicht mehr, sie wird – jahreszeitlich bedingt – bunt. Aber im Bewusstsein und in der Geschichte der deutschen Sprache hängen die beiden Worte eng miteinander zusammen. „Natur“ ist schon im Althochdeutschen aus dem Lateinischen entlehnt („nasci/natum“ heißt „geboren werden, entstehen“) und bedeutet „das ohne fremdes Zutun Gewordene, Gewachsene, Schöpfung, Welt“, im übertragenen Sinn dann oft auch „Wesen, Art, Anlage, Charakter“. „Grün“ ist ein altes germanisches Adjektiv und bezeichnet nicht nur die Farbe. Es ist wohl abgleitet von einem Verbum (englisch „grow“) mit der Bedeutung „wachsen, gedeihen, grünen“. Es ist verwandt mit „Gras“. Positiv steht es auch für „frisch, jung, sprießend“, negativ für „unreif, unerfahren“ (im Gegensatz zu gelben, roten oder blauen Früchten). Wir „fahren ins Grüne“ und erwarten frisches Blattwerk, grünes Gras. In der zweiten Hälfte des 20. Jh. erhält das Wort die Bedeutung von „umweltorientiert, ökologisch“. Demnach wäre also die Natur frisch, lebendig, wachsend und grün. Wie sich zeigt, hat uns jedoch das industrielle Zeitalter von dieser Vorstellung entfernt. In unserer Welt ist vieles „denaturiert“. Wieder einmal „zurück zur Natur“ zu finden wird immer schwieriger. „Grün ist des Lebens goldner Baum“, hört man noch bei Goethe (Faust 1, Studierzimmer).

Mag. Dr. Hildegard Pfanner, Bregenz