Leitkultur
Zum Kommentar „Leitkultur: Heuchelei“ von Hanno Loewy, VN vom
3. 6. 2021:
Herr Loewy kann dem Begriff einer „Leitkultur“ nur Heuchelei und Ungereimtheiten abgewinnen. Diese Diskussion ist typisch für Europa, denn die Dominanz der eigenen Kultur steht anderswo völlig außer Zweifel. Angst vor Identitätsverlust entsteht nur in einer Kombination von Masseneinwanderung und ausgeprägter staatlicher Freizügigkeit. Zu uns kommen keine geistigen Weltbürger mit aufklärerisch geprägter Allerweltshumanität, sondern Menschen mit tiefwurzelnden uralten Traditionen. Niemand muss sich nahtlos integrieren, und es bleibt jedem unbenommen, sich von manchen unvermeidlichen Auswüchsen einer freizügigen Gesellschaft zu distanzieren. Auch wenn man Äußerlichkeiten nicht überbewerten sollte, ist es ernüchternd, wenn sich die dritte Einwanderungsgeneration auf ihrer Identitätssuche gezielt und selbstbestimmt durch „rückwärtsgerichtete“ Kleidung abheben will oder in ihren Auslandswahlen die Diktatur (Erdogan) stärkt. Eine harmonische multikulturelle Gesellschaft ist umso gefährdeter, je mehr Menschen aus demselben Kulturraum kommen. Dabei muss gar kein Radikalismus mitschwingen, allein schon die schiere Anzahl schafft Tatsachen und verändert das Land unaufhaltsam. Vielleicht gibt es auch einmal ein Menschenrecht auf Bewahrung der eigenen Identität für Aufnahmeländer. Bis dahin schafft sich Österreich, wie wir es kennen, nicht völlig ab. Es überlebt in „Blasen“ einer zunehmend zersplitterten Gesellschaft und in einwanderungsarmen Seitentälern. Wir wollen unseren Nachkommen weder Kulturkonflikte hinterlassen noch ein Land, in dem sie zur Minderheit werden.
Gerald Grahammer,
Lustenau