Mangelhaftes Erinnerungsbewusstsein
Wenn türkische Moslems „Genozid“ und „Armenier“ hören, reagieren sie meist völlig ungehalten und aggressiv. Warum diese Reaktionen so heftig sind, wird klar, wenn man die ungeheure Schuld betrachtet, die die Türkei auf sich geladen hat. Der Völkermord an den mehrheitlich christlichen Armeniern war einer der ersten, systematischen, brutalen Genozide des 20. Jahrhunderts und geschah während des Ersten Weltkrieges. Bei Massakern wurden die Männer hauptsächlich mittels Krummschwert geköpft oder erschossen, Frauen vergewaltigt und durch Hunger zu Tode gebracht, Schulkinder klassenweise in Flüssen ertränkt. Die berüchtigten Todesmärsche, Razzien gegen armenische Intellektuelle in Konstantinopel, Hungerlager in Ankara, all dies ist im geschichtlichen Bewusstsein von Überlebenden und deren Nachkommen bis heute präsent. Nach Schätzungen wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen getötet und durch umfangreiches Beweismaterial aus verschiedenen Quellen dokumentiert. Die offizielle türkische Geschichtsschreibung bestreitet alle diese Vorwürfe mit dem Hinweis, dass Deportationen als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen“ notwendig gewesen seien. Das Leugnen und die Verharmlosung dieses Genozids gehört zur Stammargumentation am Bosporus. Er begann im April 1915. Es geht hier nicht um Verurteilung oder Rache, sondern um eine Anerkennung von klaren Tatsachen. Trotzdem – oder eben darum – müssen wir in diesen Monaten zum 104. Gedenken aufrufen und daran erinnern!
Werner Giacomuzzi, Lochau