Brigantium
Als die Legionen des Augustus zum Bodensee vordrangen, wurde der Vorarlberger Raum quasi aus dem Dornröschenschlaf in die „Moderne“ katapultiert. Der Harder Textilfabrikant Samuel Jenny hat im 19. Jahrhundert die Überreste dieser imposanten Vergangenheit auf eigene Kosten ergraben, dokumentiert und somit vor dem endgültigen Verlust in einer tendenziell ignoranten Umwelt bewahrt. Das wohl schillerndste Mosaiksteinchen ist aber just dieser Tage erst zum Vorschein gekommen: der archäologische Nachweis, dass es im antiken Brigantium bereits Bühnenaufführungen gab. Welch reizvolle Vorstellung! Aus dem weiten Umkreis strömten Kulturinteressierte herbei, um etwas Hochaufregendem beizuwohnen – dem Spektakel, wenn eine tausendköpfige Zuseherschar gebannt eine Darbietung verfolgt … auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten. „Kultur“ indessen ist ein zartes Pflänzlein. Raue Zeiten nämlich wälzten sich heran: die Völkerwanderung! Die offene – und weltoffene? – Siedlung auf dem Ölrain gab man auf und zwängte sich in die befestigte Oberstadt. Den Hafen (am Leutbühel) sicherte eine Garnison. Ein Kulturangebot war in diesem Konzept nicht mehr enthalten. Und wer waren nun jene Wilden, die so lange die Grenzsperren berannten, bis hier alles, was römisch-antike Zivilisation ins Land gebracht hatte – Schulunterricht, Bibliotheken, schöngeistige Literatur, Rechtsstaatlichkeit, Fußbodenheizung, Dampfbad, wetterfeste Straßen – bis all das nach und nach im Chaos versank? Sie nannten sich „Alemannen“.
Bohuslav Birka, Dornbirn