ORF-Verhöre
Viele Interviews kommen mir von unseren hochgeschätzten Journalisten im ORF wie Verhöre vor und der fragende Journalist wie ein Untersuchungsrichter, der Gefragte wie ein Beschuldigter vor, der endlich eingestehen muss, dass er Fehler gemacht hat und seine Schuld offen bekennen muss. Sollen die Beschuldigten den Raum mit heruntergelassener Hose verlassen? Es kommt mir auch so vor, dass die Journalisten viel zu lang reden, als wüssten sie die Antwort schon vornherein und besser, fragen kompliziert und verschachtelt, fordern die gefolterten Partner auf kurz zu antworten, weil die Sendungszeit schon abgelaufen ist. Die laufenden Unterbrechungen mit dazwischenfragen dienen meiner Meinung nach auch nicht einer kultivierten Gesprächsführung bzw. Frage und Antwortspiel. Hier ist möglicherweise ein Missverhältnis zwischen einem aufgeklärten, notwendigen, offenen, freien Journalismus und begrüßenswertem gründlichem Recherchieren. Die Journalistinnen und Journalisten könnten auch kürzer reden und einfachere Fragen stellen, ihre Besserwisserei einbremsen, damit die Beschuldigten nicht ausweichen, kompliziert Antworten und die Fragen gar nicht beantworten wollen.
Josef Kaiser, Wald a. Arlberg