Wie das damals war
1958 – von Anfang Juli bis Ende November überzog eine Polio (Kinderlähmung)-Epidemie Vorarlberg, die großes Leid über so manche Familie brachte, die Vorarlberger Nachrichten berichteten von herzzerreißenden Begräbnissen junger Menschen. Moderne Spitäler mit Intensivbetten gab es noch nicht – wurde ein Patient beatmungspflichtig, kam er in die „Eiserne Lunge“ – ein Gerät, das schon beim Anblick einen in Angst und Schrecken versetzen konnte. Während 1958 schon ringsum gegen Polio geimpft wurde, blieben bei uns eine schlafmützige Landesregierung und eine abwiegelnde Gesundheitsbehörde zunächst untätig. Es bildete sich ab September eine Koalition von verzweifelten Eltern und einer wider die Obrigkeit stichelnden Landeszeitung (VN), gegen Ende 1958 zu wurde dann doch noch Impfstoff für Vorarlberg angeschafft. Zuvor wurden niedergelassene Ärzte auf eigene Faust aktiv, zeitweise besorgten sie sich selber den Impfstoff im Ausland. So schrieben die VN am 29.11.1958 über Götzis: „Anerkennung gebührt unserem Gemeindearzt Dr. Leopold Bischof sowie seiner tüchtigen Frau, die innerhalb von zwei Tagen über 1100 Kinder geimpft haben.“ Ein Stück Vorarlberger Zeitgeschichte, weitgehend vergessen. Heute muss die Regierung zur Impfung flehentlich aufrufen, damals wurde die Impfung von der Bevölkerung noch herbeigesehnt, damals gab es auch Ausdrücke wie Polioleugner oder Impfgegner noch nicht … damals, im Jahre 1958.
Thomas Seifert, Hohenems