Schulischer Zahlenzauber

Leserbriefe / 11.12.2020 • 17:14 Uhr

Schön, dass Österreich in den internationalen TIMMS-Tests heuer den Superstar Finnland in Mathematik geschlagen hat. Man muss das alles nur so recht brav glauben. Veränderungen im einstelligen Prozentbereich sagen nichts aus. Es gibt sie ständig selbst innerhalb ein- und derselben Klasse. Besonders drollig sind Urteile über naturwissenschaftliche Mangelkenntnisse im Volksschulbereich, wo im Rahmen des Faches Sachunterricht einfachste und je nach Lehrbuch willkürlich ausgewählte Inhalte kindgemäßer Naturkunde oder Physik vermittelt werden. Wer bisher unkritisch an diesen Zahlenzauber geglaubt hat, möge das fairerweise auch jetzt tun und eine Flasche Champagner öffnen. Diese internationalen Tests mit ihren scheinbar so negativen Ergebnissen haben unserem Schulsystem mitsamt seinen Lehrpersonen ein notorisches und demotivierendes Versagerimage ausgestellt und dienten als Rechtfertigung für Reformforderungen der verschiedensten Art. Die Gesamtschule kann hier nicht herhalten, denn genau das ist die Volksschule. Der Hinweis auf die Migrantenkinderanzahl – dort sind wir „EU-Sieger“ (siehe VN, 9. 12.) – wird meist als „Schuldzuweisung“ abgewiesen, obwohl mangelhafte Sprachbeherrschung in einem abstandsmäßig eng zusammenliegenden großen Mittelfeld ein statistisch ausschlaggebender Faktor ist. Die einzig realistischen Verbesserungsmaßnahmen wären knallhartes Pauken wie in den fünf siegreichen asiatischen Ländern oder das als „teaching for the test“ bezeichnete möglichst zielgenaue Drillen auf jene Inhalte, die diese Tests verlangen.

Gerald Grahammer, Lustenau