Sprachkultur

Leserbriefe / 10.12.2020 • 17:08 Uhr

geht verloren

„Man kann niemanden überholen, wenn man in dessen Fußstapfen tritt“. Dieses Sprichwort hat mir meine Mutter in eindrücklicher Weise vermittelt, als ich im August 1953 eine vierjährige Schriftsetzerlehre begonnen habe. Sie hat damit mein Ansporn-Verhalten aktiviert, und ich fragte mich stets, woher diese Sprichwörter überhaupt kommen. Ganz früher konnten die Menschen weder lesen noch schreiben, deshalb hat man Lebensweisheiten durch Auswendiglernen weitergegeben. Daher sind Sprichwörter kurz, oft rhythmisch, was das Lernen erleichtert. Die europäische Kultur hatte starke Wurzeln in der griechischen und lateinisch-römischen. Viele Sprichwörter von klugen Männern oder Weisen der Antike – Ovid, Vergil, Cicero, Seneca, Platon, Aristoteles: Buch der Sprüche im Alten Testament, sind meistens bekannte Zitate. Im Mittelalter wurde die lateinische Sprache ein Ausdrucksmittel der Gelehrten, Intellektuellen und der Kirche. Da verdanken wir viel den mittelalterlichen Philosophen und Denkern. Schon im 8. und 9. Jahrhundert (Karolingische Zeit) war Latein für die Kommunikation sehr wichtig. Sprichwörter haben viele Jahrhunderte lang unser Leben begleitet. Es erhebt sich die Frage, ob auch heute auf diese Weise Kulturinhalte formuliert und weitergegeben werden können. Wenn Inhalte durch knappe, leicht merkbare Sprüche geschickt vermittelt werden, dürften sie wieder ankommen. Dennoch: Durch die derzeitig grausliche allgemeine Sprachverhunzung ist bereits viel an Sprachkultur verloren gegangen.

Werner Giacomuzzi, Lochau