Wenn die Welt zerbricht

Die Geschichte von „Shosha“ zeigt, was geschieht, wenn Menschlichkeit verloren geht.
Bregenz Shosha ist eine Hündin. Und sie ist jüdisch. So nennen es die Menschen, bei denen sie lebt, jene Familie, die ihr Geborgenheit gibt, deren Stimmen, Gerüche und tägliche Rituale ihr vertraut sind. In dieser scheinbar sicheren Welt verändert sich jedoch etwas im Deutschland der 1930er Jahre. Zunächst ist es nur ein anderer Tonfall, dann folgen Gesetze, schließlich Zeichen der Ausgrenzung. Nachbarn verstummen, Türen schließen sich, und mit ihnen verschwindet die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens.
Shosha wird von ihrer Familie getrennt und weitergereicht, von Ort zu Ort, von Mensch zu Mensch. Sie erlebt Fürsorge und Grausamkeit, Nähe und Abweisung. In ihren Erfahrungen spiegelt sich eine Welt, in der sich Menschlichkeit allmählich auflöst und eine Entwicklung einsetzt, die in den Abgrund der Shoah führt. Als stille Beobachterin nimmt sie wahr, was geschieht, ohne es zu verstehen, und macht gerade dadurch sichtbar, was oft unaussprechlich bleibt.
Die Figur Shosha, nach dem Roman „A Jewish Dog“ von Asher Kravitz, erzählt diese Zeit aus der Perspektive eines Tieres und eröffnet damit einen ungewohnten Zugang zu Geschichte. Es geht um Ausgrenzung und Loyalität, um Zugehörigkeit und Verlust, um die Frage, wer wir sind und wer wir sein dürfen. Shoshas Blick ist offen und frei von Urteil. Gerade darin liegt seine Eindringlichkeit, weil er zeigt, was geschieht, wenn Menschen einander nicht mehr als Gleiche sehen.
Die Inszenierung, deren Premiere am kommenden Samstag im Vorarlberger Landestheater stattfindet, richtet sich an ein jugendliches wie erwachsenes Publikum und erzählt von Verlust, aber auch von Treue, Mut und der Hoffnung, wieder einen Ort der Zugehörigkeit zu finden.
Tamara Stern wurde in Berlin geboren und wuchs ab ihrem zwölften Lebensjahr in Jerusalem auf. Ihre Ausbildung erhielt sie an der School of Acting Nißan Nativ in Tel Aviv. Von 1998 bis 2002 war sie Ensemblemitglied am Gesher Theater und wurde 2000 als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Seit 2008 lebt und arbeitet sie vorwiegend in Österreich, war unter anderem am Vorarlberger Landestheater engagiert und ist seit 2020 Teil des aktionstheater ensemble, mit dem sie 2021 für den Nestroy-Theaterpreis nominiert wurde.