Ofczarek und Franui begeistern mit „Holzfällen”

Kultur / 22.04.2026 • 12:11 Uhr
Ofczarek und Franui begeistern mit „Holzfällen"
Ofczarek gelang ein außergewöhnlicher Abend über Kunst, Heuchelei und Beobachtung.APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL

Bernhards Gesellschaftssatire in einer einzigartigen Produktion voller Klang und Sprachkunst.

Bregenz Am Dienstagabend wurde das Festspielhaus Bregenz zum Resonanzraum eines Abends, der Thomas Bernhards „Holzfällen“ nicht einfach auf die Bühne brachte, sondern in ein neues, überraschend schlüssiges Format überführte. Was Nicholas Ofczarek und die Musicbanda Franui hier gemeinsam gestalteten, war weder Lesung noch Konzert, weder Schauspiel noch Musiktheater. Gerade in dieser Unfestgelegtheit lag die große Stärke dieser Aufführung. Denn so fand man eine Form für einen Text, dessen Wucht, Rhythmus und innere Musikalität auf konventionelle Weise kaum zu fassen wären.

Ofczarek und Franui begeistern mit „Holzfällen"
Nicholas Ofczarek und Franui trafen den Ton von Bernhard mit verblüffender Präzision. APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL

Nicholas Ofczarek erwies sich dabei als Idealbesetzung. Seit Jahren zählt er zu den prägenden Schauspielern Österreichs, und auch in Bregenz zeigte sich, warum das so ist: weil er Präsenz aus Konzentration, Präzision und jener seltenen Fähigkeit, Sprache in körperliche Spannung zu verwandeln, gewinnt. Minimalistisch an einem großen Notenständer platziert, ganz ohne demonstrative Geste, ließ er Bernhards Satzkaskaden, Reflexionsschleifen und Tiraden mit einer Selbstverständlichkeit entstehen, als würden sie sich in diesem Moment erst formen. Er traf den grantelnden, bösartigen, sich immer weiter steigernden Ton des Erzählers mit bewundernswerter Genauigkeit und hielt ihn doch beweglich, durchlässig, lebendig.

Ofczarek und Franui begeistern mit „Holzfällen"
APA/BURGTHEATER/TOMMY HETZEL

Gerade darin lag die Kunst dieses Abends: Ofczarek verwandelte Bernhards Prosa nicht in eine stilisierte Literaturandacht, sondern in ein hochwaches, pulsierendes Sprechen. Er kostete die Boshaftigkeiten aus, ohne sie zu überzeichnen, setzte die Pointen trocken und genau und ließ zugleich die Verzweiflung, Erschöpfung und innere Raserei der Figur spürbar werden. Wenn er über die Wiener Kunstszene, über Burgschauspieler oder die verlogene Gesellschaft in der Gentzgasse herzog, entstanden jene befreienden Lacher im Saal, die Bernhards Prosa bis heute so scharf und gegenwärtig machen.

Standing Ovations

Kongenial begleitet wurde er von der Musicbanda Franui, deren besondere Klangwelt dem Abend ein zweites dramaturgisches Zentrum schenkte. Das Ensemble, das sich zwischen Volksmusik, Kunstlied, Kammermusik und Trauermarsch bewegt, erwies sich einmal mehr als Meister darin, Bekanntes in eine neue, poetisch gebrochene Form zu überführen. Trauermärsche, Walzer, Polka, schmetternde Bläser, gezupfte Linien, getragenes Melancholisches und fein gesetzte Anklänge an Chopins berühmten Trauermarsch schufen einen Klangraum, in dem Bernhards Text noch tiefer erschloss.

Ofczarek und Franui begeistern mit „Holzfällen"
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Besonders eindrucksvoll war, wie selbstverständlich Musik und Sprache ineinandergriffen. Nichts wirkte aufgesetzt, nichts dekorativ. Vielmehr schien Franui den Subtext dieser Prosa freizulegen: das Begräbnishafte, das Tänzelnde, das Groteske, das Abgründige. Dass sich Lesung und Musik zuweilen überlagerten, erwies sich als weiterer Gewinn. Gerade dadurch erhielt der Abend jene schwebende Form, die Bernhards Sprachmusik in ihrer ganzen Eigenart ernst nahm.

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Der lang anhaltende Applaus, die zahlreichen Bravo-Rufe und die Standing Ovations waren daher mehr als nur Zustimmung, sie waren die unmittelbare Antwort auf einen in jeder Hinsicht geglückten Abend. Besonders eindrucksvoll geriet Ofczareks Schlusspassage: Über sich selbst ob der eigenen Verlogenheit erschüttert, atemlos, von innerer Unruhe getrieben. So zeigte diese Aufführung mit großer Klarheit, dass „Holzfällen” auch vierzig Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Bissigkeit und Strahlkraft verloren hat. Dank Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui erhielt Bernhards Prosa in Bregenz einen neuen, überzeugenden Sound. Es war ein wunderbarer, kluger und mitreißender Abend. Tiefe Verbeugung vor einem großen Schauspieler.