Ein Prompt zum Blockbuster: Wer braucht noch Hollywood?

Ein KI-Video mit Tom Cruise und Brad Pitt geht viral – komplett künstlich erzeugt. Drehbuchautor:innen und Filmschaffende fragen sich weltweit, ob ihre Arbeit bald überflüssig wird. Auch Vorarlberger Kreative beobachten die Entwicklung mit Sorge.
Hollywood „Ich sage es nicht gern. Aber es ist wahrscheinlich vorbei mit uns“, zeigte sich der Hollywood-Drehbuchautor Rhett Reese auf X erschüttert. Was noch vor wenigen Monaten wie ferne Zukunftsmusik klang, wird nun in den sozialen Netzwerken millionenfach geklickt: realistisch wirkende Filmszenen, die aus wenigen Textzeilen erzeugt wurden. Mit „Seedance 2.0” bringt ByteDance, der Mutterkonzern von TikTok, ein KI-Video-Tool auf den Markt, das die Debatte um künstliche Intelligenz und Urheberrecht neu entfacht und die Filmbranche nervös macht.
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Die Entwicklung kommt nicht aus dem Nichts. OpenAIs Sora, Runway 4 oder Googles Veo 3.1 haben bereits gezeigt, wie sich aus Prompts, Bildern oder kurzen Videobeispielen ganze Sequenzen generieren lassen. Doch Seedance 2.0 geht weiter. ByteDance spricht von den „umfassendsten multimodalen Referenz- und Editing-Optionen der Branche”. Nutzer können Text-, Bild-, Audio- und Video-Input kombinieren, Kamerabewegungen definieren, Licht und Schatten steuern und so binnen Minuten Szenen erzeugen, die wie Ausschnitte aus Blockbustern wirken.
Der Vorarlberger Filmschaffende Reinhold Bilgeri: “Die Entwicklung vollzieht sich in atemberaubendem Tempo, so rasant, dass einem schwindlig werden könnte, zumal es technologisch längst möglich ist, Kunstschaffende durch KI-Programme oder Roboter zu ersetzen, die im Sekundentakt Filme, Bilder, Bücher und Musik samt Avataren produzieren könnten. Und doch bleibt ein entscheidender Unterschied: Wie Konrad Paul Liessmann nüchtern bemerkte, hat die KI nie gelitten und wird es auch nie können – sie mag Empathie, Euphorie oder Trauer simulieren, doch im innersten Kern jener Erfahrungen, aus denen Kunst ihre existentielle Kraft bezieht, könnte sie ein Analphabet bleiben. Gerade weil in allen Kunstformen das gelebte Gefühl der wichtigste Resonanzraum zwischen Werk und Betrachter ist, erscheint trotz aller technologischen Umwälzungen ein leiser Hoffnungsschimmer am Horizont”.
Auf TikTok, Threads und X kursieren bereits zahlreiche Clips. Sie zeigen hyperrealistische Kampfszenen, emotionale Dialoge oder spektakuläre Actionszenarien. ByteDance verspricht eine „ultrarealistische, immersive Erfahrung“. Tatsächlich beeindrucken viele Beispiele durch Detailreichtum und cineastische Dynamik. Für Filmschaffende bedeutet das eine potenzielle Zäsur: Wenn hochwertige Szenen nur noch wenige Eingaben erfordern, verändern sich die Produktionsprozesse grundlegend.
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Nutzer generierten Szenen mit Spider-Man, Darth Vader oder anderen ikonischen Charakteren, teils allein durch einfache Textbefehle. Ein Clip zeigte Tom Cruise und Brad Pitt in einer spektakulären Kampfszene vollständig KI-generiert.
Für Disney war damit eine rote Linie überschritten, der US-Unterhaltungskonzern warf ByteDance vor, das eigene Modell unerlaubt mit Inhalten aus der geschützten Bibliothek trainiert zu haben. Eine Unterlassungsaufforderung wurde verschickt. Der Vorwurf: Produktpiraterie. Auch Paramount Skydance soll den Missbrauch geistigen Eigentums beanstandet haben. Weitere Studios wie Netflix, Sony oder Universal äußerten ebenfalls Kritik und forderten Konsequenzen.
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Und ByteDance hat inzwischen auf den Druck reagiert. Der Konzern kündigte an, die unerlaubte Nutzung geistigen Eigentums in Seedance 2.0 künftig zu unterbinden. Konkrete Details, wie dies technisch umgesetzt werden soll, nannte das Unternehmen allerdings nicht.
Während Juristen über Copyright-Fragen diskutieren, wächst in der Kreativszene die Verunsicherung. So zeigte sich Drehbuchautor Rhett Reese, bekannt durch „Deadpool & Wolverine“ oder „Zombieland“ alarmiert. Reese fürchtet, dass schon bald eine einzelne Person am Computer Filme in Hollywood-Qualität produzieren könnte. „Wenn sie über das Talent und den Geschmack eines Christopher Nolan verfügt, wird das Ergebnis überwältigend sein.“ Zugleich betonte er, dass ihn diese Entwicklung nicht begeistert, sondern beunruhigt. Viele Menschen könnten ihren Beruf verlieren – er selbst eingeschlossen.