Kunst, Forschung und Wirklichkeit

Kultur / 06.11.2025 • 16:06 Uhr
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Bernd Bickel und Ruth Schnell haben eine ungemein spannende gemeinsame Ausstellung entwickelt. Andreas Marte

Künstlerin Ruth Schnell und Computerwissenschaftler Bernd Bickel mit gemeinsamer Ausstellung.

Feldkirch Im Palais Liechtenstein in Feldkirch begegnen sich zwei auf den ersten Blick kaum miteinander zu vereinbarende Welten: die präzise, analytische Forschung der Computerwissenschaft und die offene, reflektierende Sprache der Kunst. Unter dem Titel „Echoes of the Digital“ haben die Medienkünstlerin Ruth Schnell und der Computerwissenschaftler Bernd Bickel eine gemeinsame Ausstellung entwickelt, die das Verhältnis von Wahrnehmung, Technologie und Realität mit ebenso poetischer wie präziser Konsequenz neu befragt.

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Im Vordergrund die Taube in 3D, im Hintergrund an der Wand in zwei Dimensionen. Andreas Marte

Schnell, seit Jahrzehnten Pionieri der österreichischen Medienkunst, befasst sich in ihren Arbeiten mit den Schnittstellen von Wahrnehmung und Technik, den Codes unserer digitalen Welt und den politischen Implikationen technologischer Prozesse. Bickel wiederum ist Professor für Computational Design an der ETH Zürich und erforscht die Verbindung von Computergrafik, Robotik und Materialwissenschaft, also jene Punkte, an denen digitale Modelle Gestalt annehmen und sich in reale Materie übersetzen lassen.

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Andreas Marte

In „Echoes of the Digital“ wird aus dieser Verbindung ein Dialog der Disziplinen: Wissenschaftliche Verfahren werden in künstlerische Prozesse überführt, Wahrnehmung und Wirklichkeit in neue Relationen gesetzt. Technologie erscheint hier nicht als kaltes Werkzeug, sondern als Träger von Bedeutung, als Medium, das Fragen aufwirft, statt Antworten zu liefern.

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Andreas Marte

Im Zentrum der Ausstellung stehen zwei Verfahren aus Bickels Forschung: „Unfolding” und „Wires”. Das erste, „Unfolding“, entfaltet dreidimensionale Körper entlang ihrer Polygonstruktur in die Fläche. Was zuvor Raum war, löst sich auf in geometrische Ebenen, in kartografische Linien und Schnittmuster. So entstehen aus virtuellen Modellen abstrakte, beinahe topografische Formen. In Raum 1 zeigen schwarze Acrylelemente Objekte des Krieges wie Panzer, Minen und Waffenfragmente. Raum 2 antwortet darauf mit grauen Entfaltungen, die Begriffe wie „Right to Peace”, „Peace Symbol” oder „Vereinigungsbrücke” tragen. Diese Gegenüberstellung schafft Ambivalenz: Lesbarkeit wird aufgelöst, Gewissheit verwandelt sich in Frage. Krieg und Frieden erscheinen so als zwei Seiten derselben Medaille.

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Das zweite Verfahren, „Wires“, geht den umgekehrten Weg: vom Begriff in den Raum. Hier verschmelzen mithilfe einer künstlichen Intelligenz zwei Begriffe oder Bilder zu einer einzigen Drahtform. Von vorne betrachtet zeigt sich das eine Motiv, von der Seite ein anderes. Beim Weiterdrehen entstehen neue Lesarten. Diese Gebilde wirken wie Metaphern für das Dazwischen, für jene Schwelle, an der sich Bedeutung und Wahrnehmung fortwährend verschieben. Auf Papier verdichten sich diese Bewegungen zu stillen Spuren: 36 übereinandergelegte Ansichten einer 360-Grad-Rotation, jeweils um zehn Grad versetzt, ergeben eine zeichnerische Chronik von Dauer und Veränderung. Zeit wird zu Form, Bewegung zu Kontur.

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Schnell und Bickel begreifen Künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung, sondern als Material und als Herausforderung, die das Denken erweitert. „Ich arbeite mit Technologien, die ich zugleich kritisiere”, sagt Schnell. „Jede Maschine, mit der ich arbeite, ist zugleich Gegenstand der Reflexion.“ KI ist hier keine allmächtige Entität, sondern ein Spiegel: Sie zeigt, was wir in sie hineindenken und was wir vielleicht lieber nicht sehen wollen. Bickel betont die Ambivalenz technischer Entwicklungen. Künstliche Intelligenz bringe enorme Chancen, etwa in den Bereichen Medizin und Nachhaltigkeit, aber auch eine beispiellose Beschleunigung, deren Folgen kaum absehbar sind. „Es ist ein Rennen, in dem alle versuchen, vorne zu bleiben. Wer zurückbleibt, wird überrollt.“

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„Echoes of the Digital” öffnet Resonanzräume zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Analyse und Imagination sowie zwischen digitaler Abstraktion und physischer Präsenz. Es ist eine Ausstellung über Formen, die denken und über das Ungewisse, das zwischen ihnen klingt. Die Ausstellung dauert bis zum 3. Jänner 2026, der Eintritt ist frei.