Theater als Wurstmaschine der Wahrheit

Kultur / 27.10.2025 • 14:05 Uhr
Theater als Wurstmaschine der Wahrheit
Felix Römer interpretiert Ferdinand Schmalz’ Monolog als Urform der Zersetzung. Caro Stark

Die Unpop-Inszenierung von „Schlammland Gewalt“ feiert diesen Freitag Premiere.

Bregenz Wenn einer den Dreck zu Literatur verarbeitet, dass er glänzt wie frischer Bratenfettfilm auf der Sonntagssoße, dann ist das Ferdinand Schmalz. In seinem Monolog „Schlammland Gewalt“ wälzt sich die Sprache selbst durch den Morast, bis sie dampft, gärt und duftet nach all dem, was wir lieber verschweigen: Macht, Mief, Männerfantasien und moralische Fäulnis. Am Freitag, dem 31. Oktober, hebt sich in den Hallen des Theater Kosmos der Vorhang – oder vielleicht besser: die Zeltplane – für eine Inszenierung des Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung, in der Felix Römer diesen sprachwütigen Sumpf allein durchpflügt.

Theater als Wurstmaschine der Wahrheit
Das Ende ist der Anfang des Gestanks. Caro Stark

Römer steht da, und mit ihm steht die ganze Welt in einer einzigen klebrigen Pfütze. Es ist kein Theaterabend, es ist ein tektonischer Vorgang. Die Verschiebung der Wörter gegeneinander, das Aufbrechen der Bedeutungsschollen, die Entstehung einer neuen Syntax der Verwüstung.
Der Text ist ein Monstrum, das sich selbst verschlingt – hymnisch, widerwärtig, betörend. Schmalz lässt seine Figuren in der eigenen Sprache ertrinken, und Römer zieht daraus keine Lehre, sondern eine Liturgie: ein Bierzelt als Höllenaltar, ein Brathendl als Opfergabe, eine Liebe, die sich in den Schlamm schreibt wie ein letzter Versuch, Mensch zu bleiben, bevor die Sintflut wieder alles abwäscht.

Das ist kein sanftes, kein höfliches Theater. Das ist Kunst mit Bluthochdruck. Hier wird nicht inszeniert, hier wird geschlachtet – in Gedanken, in Worten, in Bildern. Und wenn Römer spricht, spricht nicht ein Schauspieler, sondern eine ganze Dorfgemeinde aus ihm heraus, feucht, wütend, verroht, verliebt in die eigene Ordnung und zugleich im Begriff, an ihr zu ersticken. Dieses „Schlammland“ ist kein Ort, es ist ein Zustand. Eine Parabel auf das Land, das sich für sauber hält, während es bis zum Hals in der eigenen Moral steht. Eine Feier der Zersetzung, die so schön ist, dass man sich fast schon darauf freut, mitzugammeln.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Und wenn am Ende die Fäulnis siegt, dann nicht als Verfall, sondern als Beweis des Lebens. Weil selbst im Verwesungsgeruch noch Bewegung steckt – das Restzucken des Lebendigen, das sich weigert, stillzuhalten. Römer trägt diesen Geruch wie eine Auszeichnung. Er steht da, zwischen Himmel und Misthaufen, als Priester einer Wahrheit, die man nicht in Worte fassen kann, ohne sich dabei selbst schmutzig zu machen.

Wenn man sich fragt, ob man das gesehen haben sollte, dann gibt es nur eine Antwort. Diese hat zwei Buchstaben, beginnt mit J und endet mit A. Und man wird es nicht bereuen.

Premiere am Freitag, 31. Oktober 2025, 20 Uhr, Theater Kosmos Bregenz. Weitere Termine bis 11. November. Kartenreservierung unter www.unpop.at