Ein Pianist von stiller Größe

Kultur / 25.08.2025 • 10:39 Uhr
Paul Lewis
Paul Lewis lässt die Musik selbst sprechen, ohne Prunk, ohne Pose. Schubertiade

Paul Lewis bei der Schubertiade in Schwarzenberg.

Schwarzenberg Der Angelika-Kauffmann-Saal bot am Sonntag den Rahmen für ein Matinee-Konzert mit dem britischen Pianisten Paul Lewis. Lewis ist kein Virtuose der großen Gesten, keiner, der den Flügel mit donnerndem Klang in Beschlag nimmt. Sein Weg ist ein anderer: Er vertraut auf Klarheit, Maß und innere Konzentration – eine Haltung, die er nicht zuletzt seinem Mentor Alfred Brendel verdankt, die er aber längst zu seiner eigenen künstlerischen Signatur verfeinert hat. Wer ihm zuhört, spürt sofort seine Weigerung, das Klavier zum Schauplatz von Eitelkeiten zu machen. Stattdessen lässt er die Musik selbst sprechen, ohne Prunk, ohne Pose – und gerade deshalb mit umso größerer Überzeugungskraft.

Das Programm begann mit Beethovens Sonate c-Moll, einem Werk des jungen, noch aufstrebenden Komponisten. Schon die ersten Takte offenbarten, wie Lewis Beethovens Energie begreift: als kontrollierte Kraft, die in scharfen Akzenten, plötzlichen Pausen und klar strukturierten Bögen Gestalt gewinnt. Das Allegro molto e con brio spannte er mit unerbittlicher Logik, ohne je ins Drängende oder Überhitzte zu geraten.

Paul Lewis
Schon die ersten Takte offenbarten, wie Lewis Beethovens Energie begreift.

Im Andante, diesem kurzen Moment der Innigkeit in As-Dur, zeigte Lewis seine Fähigkeit, eine Melodie wie eine menschliche Stimme klingen zu lassen – kantabel, atmend, voller diskreter Wärme. Und im Presto-Finale vereinte er Brillanz mit Witz: Rasante Läufe blitzten auf, stets in das feine Netz der musikalischen Architektur eingebettet. So erschien Beethoven nicht nur als wilder Aufbrecher, sondern auch als kluger Baumeister eines neuen Ausdrucks.

Es folgte Mozarts Sonate C-Dur, KV 330, ein Werk, das aufgrund seiner äußeren Leichtigkeit leicht unterschätzt werden könnte. Lewis entfaltete hier jedoch jene Kunst, Einfachheit ernst zu nehmen. Im Allegro moderato ließ er die Melodie mit beinahe sprechender Natürlichkeit aufblühen und zeigte zugleich, wie subtil Mozart mit Harmoniewechseln und dynamischen Schattierungen spielt.

Das Andante cantabile geriet zu einem ersten Höhepunkt des Vormittags: eine Arie ohne Worte, getragen von inniger Ruhe, die Lewis mit unerbittlicher Langsamkeit auskostete, ohne je den Fluss zu verlieren. Durch diese Verlangsamung eröffnete sich eine Welt, die den Saal in atemloses Lauschen versetzte. Das Allegretto schließlich glitt federleicht dahin, charmant und mit feiner Ironie, als würde Mozart selbst hinter den Noten schelmisch lächeln.

Paul Lewis
Paul Lewis hat an diesem Vormittag in Schwarzenberg gezeigt, was ihn zu einem der bedeutendsten Pianisten unserer Zeit macht.

Nach der Pause öffnete Lewis die Tür zur Spätromantik mit Brahms’ Drei Intermezzi, jenen “Wiegenliedern meiner Schmerzen”, wie der Komponist sie nannte. Hier zeigte sich, wie sehr Lewis in der Kunst des Leisen zu Hause ist.

Das erste Intermezzo in Es-Dur wiegte sich mit einer Sanftheit, die nie sentimental wirkte. Lewis ließ die Melodie aus der Begleitung herauswachsen, wie aus einem atmenden Untergrund. Im zweiten Intermezzo in b-Moll schuf er eine Atmosphäre des Suchens: Jeder chromatische Schritt, jede Nuance trug Bedeutung. Das dritte Intermezzo in cis-Moll klang wie ein resignatives, aber friedliches Leuchten. Es klang nie forciert oder schwer, sondern eher wie hingetupfte Träume, die sich beim Zuhören unmerklich ins Innere einschreiben.

Zum Schluss erklang Schuberts letzte Sonate, die B-Dur-Sonate D 960 – ein Werk, das den Abschied des Komponisten wie kein anderes markiert. Lewis spielte sie ohne Pathos oder heroische Gesten, sondern als weiten, atmenden Fluss, in dem Melancholie und Trost, Verzweiflung und Hoffnung miteinander verwoben sind.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.

Das Molto moderato entfaltete er mit unerhörter Ruhe, fast wie eine weite Landschaft, über der immer wieder jene dunklen Bass-Tremoli grollten. Das Andante sostenuto ließ er wie einen Blick in eine andere Welt erscheinen: entrückt, beinahe stillstehend und doch von menschlicher Wärme durchzogen. Im Scherzo erhellte er die Stimmung mit schwebender Leichtigkeit, bevor das Finale in unaufhörlicher Bewegung einen offenen, nie endgültigen Schluss fand.

Paul Lewis hat an diesem Vormittag in Schwarzenberg gezeigt, was ihn zu einem der bedeutendsten Pianisten unserer Zeit macht: Er vertraut der Wahrheit der Partitur und schenkt ihr ein Sprechen, das keine Effekte braucht, um tief zu berühren. Ein Konzert, das die Essenz der Schubertiade in sich trug: Sammlung, Ernsthaftigkeit und stille Größe.